Sonntag, 13. August 2017

"Das Glück hat vier Farben" von Lisa Moore



Das Thema
Seit sie denken kann, ist die sechzehnjährige Flannery in Tyrone verliebt. Aber wann genau ist aus ihrem Sandkastenfreund ein Rebell und der coolste Junge der Schule geworden? Flannery, die sich oft in den Erinnerungen daran verliert, wie einfach früher alles war, beobachtet mit Erstaunen, wie die Welt um sie herum immer schneller kreist. Doch dann kommt ihr für ein Schulprojekt eine folgenreiche Geschäftsidee: Sie fertigt Liebestränke für die Mitschüler an - und ein regelrechter Hype wird ausgelöst. Plötzlich geht das Gerücht um, dass die bunten Mixturen tatsächlich wirken ...

© Klappentext-, Cover- und Zitatrechte: FISCHER Sauerländer


Und vielleicht schaust du noch weiter in den Spiegel und beginnst dich zu fragen, mit jedem Atom deines Wesens, ob irgendjemand auf dieser verdammten verrückten Welt dich je lieben wird.
Und plötzlich stellst du dir dann vor, jung zu sterben.
Das ist so ein sensibler Moment.
- S. 74


Das Leseerlebnis
Bei "Das Glück hat vier Farben" hat mich zu allererst die süße Idee angesprochen (oder besser, die Idee, die ich hinter der Geschichte erwartet habe). Flannery fertigt für ein Schulprojekt Liebestränke an und plötzlich entsteht daraus ein Hype unter den Mitschülern. Wirken die Mixturen, die im Grunde nur aus gefärbtem Wasser bestehen, wirklich? Das klingt witzig und verrückt, sogar ein bisschen nach einer phantastisch angehauchten Story. Und ja, diese Aktion ist tatsächlich Teil der Geschichte. Aber eben nur ein Teil. Flannerys Geschichte ist viel mehr und weitaus ernster und auch tiefsinniger als ich vermutet hätte.

Flannery muss im Alltag sehr stark sein und mehr Verantwortung übernehmen, als es ein 16-jähriges Mädchen normalerweise sollte. Einen Vater kennen sie und ihr jüngerer Bruder nicht, und durch die fragwürdigen Kunstprojekte ihrer Mutter, oder deren unkonventionelle Erziehungstipps auf Blogs, kommt kein Geld in die Kassen. Die kleine Familie lebt von Sozialhilfe, das Geld ist immer knapp. So kann sich Flannery ein dringend benötigtes zur Zeit nicht leisten. Trotzdem hat sie eine beste Freundin und viele schöne Erinnerungen an ihre Kindheit, vor allem an die Zeit mit Tyrone, den sie schon immer kennt und in den sie bis über beide Ohren verliebt ist. Ein Schulprojekt bringt nicht nur viele (negative) Veränderungen mit sich, Flannery muss auch erfahren, dass das Leben sehr schmerzvoll sein kann.

Lisa Moore hat ein sehr scharfsinniges Buch geschrieben, bei dem man allerdings die Fähigkeit besitzen sollte, sich bedingungslos in die Hauptprotagonistin hineinzuversetzen. Denn ihr Handeln gleicht einem Lernprozess: Das Leben besteht aus Fehlern und Erkenntnissen, nur so gelangt man ans Ziel und findet sich mit Situationen ab. Und auch wenn ich manchmal versucht war, den Kopf zu schütteln, so bin ich mir jedoch sicher, dass ich in diesem Alter in vielen Fällen ähnlich, wenn nicht sogar impulsiver, gehandelt hätte wie Flannery. Ich habe sie bewundert und stark mit ihr gefühlt.
Vor allem der Part mit den "Liebestränken" klingt an und für sich recht lustig, und doch nimmt man zwischen den Zeilen noch so viel mehr wahr. Ich empfand die Geschichte als ernsthaft, manchmal tragisch und berührend. Es ist nicht nur eine Coming-of-Age-Geschichte, sondern auch die Geschichte einer Familie. Am Ende ist nicht alles gut, im Sinne von einem Happy End, aber für Flannery und ihre Lebenserfahrungen genau richtig. Es fühlt sich gut an.

Das Fazit
Geschichten, die sich fast komplett gegensätzlich zu meiner Erwartung entwickeln, mich damit positiv überraschen und auf einem völlig anderen Fuß erwischen als gedacht, gehören für mich zu den Perlen der Jugendliteratur. "Das Glück hat vier Farben" hat sich diesen Status verdient. Für mich war die Geschichte nachhaltig und intensiv, manchmal auch sehr herausfordernd für meine Gedanken. Damit ist das Buch eine einschneidende Erfahrung für die Charaktere und ihre Leser ... und so gefühlsturbulent, schmerzvoll und ermutigend wie das Leben eben manchmal ist. 4 von 5 Sterne gibt es von mir.


© Damaris Metzger, www.damarisliest.de


FISCHER Sauerländer (April 2017) - Hardcover, 368 Seiten - 16,99 € [D]
Originaltitel: Flannery - Übersetzt von Maren Illinger - ab 14 Jahren

Kommentare:

  1. Huhu liebste Damaris,

    das Buch subbt bei mir noch. Nach deiner tollen Rezi hast du mich aber unglaublich neugierig darauf gemacht, danke dafür <3. Die Geschichte klingt wirklich rührend, tiefsinnig und doch lustig zugleich. Ich freue mich auf jeden Fall sehr aufs Lesen.

    Liebe Grüße,
    Ally

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    1. @Ally - "Das Glück hat vier Farben" war wirklich etwas anders als gedacht, aber genau so was mag ich immer sehr. Richtig lustig ist es nicht, eher ein Sozial-Drama, aber ich bin mir sicher, dass du es magst. Man kann sich richtig schön in Flannery hineinversetzten.

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