Dienstag, 25. April 2017

"Jeder Tag kann der schönste in deinem Leben werden" von Emily Barr



Das Thema
Flora Banks Leben ist wie ein tausendteiliges Puzzle in allen Farben des Regenbogens. Jeden Tag muss sie es erneut zusammensetzen. Sie muss sich daran erinnern, wer sie ist und was los ist. Manchmal stündlich. Nichts, was seit ihrem 10. Geburtstag passiert ist, bleibt ihr im Gedächtnis. Doch auf einmal ist da diese eine Erinnerung in ihrem Kopf. Und sie bleibt, verschwindet nicht wie die anderen Details aus ihrem Leben. Es ist die Erinnerung daran, wie sie nachts am Strand einen Jungen geküsst hat. Bewaffnet mit Handy, Briefen von ihrem Bruder aus Paris, einem prallgefüllten Notizbuch und tausenden von Zettelchen macht sich Flora Banks auf eine Reise, die sie letztendlich zu sich selbst führt. Denn zum ersten Mal in ihrem Leben kann sie jetzt entscheiden, wer sie wirklich sein will.

© Inhalt-, Cover- und Zitatrecht: FISCHER FJB


Ich weiß nicht, wohin ich gehen soll. [...] Wenn ich keine Tasche habe, habe ich auch kein Geld. Ich habe kein Handy. Ich habe keinen Schlüssel. Ich habe keine Bücher. Ich habe keine Ahnung, wer ich bin oder was ich mache, und niemand wird mir helfen können.
Ich habe Drake geküsst. Das ist die einzige Tatsache, die ich habe. Auf der Welt gibt es nichts anderes.
- S. 184


Das Leseerlebnis
"Jeder Tag kann der schönste in deinem Leben werden" reizte mich aufgrund des Themas. Wir alle kennen die Situation: Ich möchte etwas aus einem Raum, Schrank, Keller, etc. holen, komme dort an und habe glatt vergessen, was ich eigentlich wollte. Nun gut, es fällt mir dann schon wieder ein, und im Zweifelsfall laufe ich eben doppelt. Bei Flora Banks ist dies Dauerzustand, nun noch viel schlimmer. Denn Flora behält seit ihrem zehnten Lebensjahr keine Erinnerungen mehr im Kopf. Erlebnisse, Personen, Dinge vergisst sie nach ein paar Stunden wieder. Wie kann man so im Leben zurechtkommen? Damit hatte mich das Buch schon, und nach einem spannenden Prolog, der viele Fragen aufwirft, landet man auch schon mitten in der Geschichte.

Nach den ersten Seiten fand ich mich direkt in Floras Leben wieder. Ich war völlig baff wie die Autorin es schafft, einen so deutlichen Einblick in Floras Inneres, bzw. ihre Art zu denken, zu geben. Der Stil ist sehr einfach gehalten, und mit den kurzen Sätzen und fortlaufenden Wiederholungen manchmal auch anstrengend. Das Buch ist nicht einfach zu lesen. Nicht, weil ich es nicht verstand, sondern weil sich meine Gedanken immer zwischen der Handlung und mich-in-Flora-hineinversetzen bewegten. Es muss so hart sein, Dinge fortlaufend zu vergessen. Sogar elementare Dinge ("Ich bin siebzehn.") entfallen ihr. Flora meistert ihren Alltag mit ihrer Familie und ihrer besten Freundin. Und indem sie Wichtiges auf ihre Arme/Hände schreibt und Elementares in Notizbüchern festhält.
Dass sie den Kuss mit Drake im Kopf behält, fand ich bemerkenswert, bildete mir aber sofort eine (negative) Meinung über den Jungen und war gespannt, wie sich dieses Sache entwickeln würde. Denn dieser Kuss ist es, der Flora dazu veranlasst, Drake zu suchen. Sie begibt sich auf eine Reise, die ihr Zustand im Grunde gar nicht zulässt - dachte ich.

Es passiert so viel. Und man ist wirklich hautnah mit dabei, wenn Flora Fortschritte macht und Positives erlebt. Man erlebt sie aber auch in Momenten der Rückschläge und Verzweiflung. Es gibt ein paar Verhaltensweisen von ihr, die ich als nicht ganz logisch empfand. Gegen Ende spitzt sich die Situation sehr zu, die Autorin entfesselt hier ein ganz schönes Verwirrspiel. Das ist mitreißend aber auch traurig-dramatisch.

Und gerade als ich meinte, Flora hätte die Geschichte überstanden, sie würde sich langsam dem Ende zuneigen, kamen Dinge ans Licht, die mir ganz schön den Boden unter den Füßen wegzogen. Das war keinesfalls schlecht und sehr spannend, aber auch etwas too much. Ich bin zwiegespalten, obwohl mir jetzt, mit etwas Abstand, die Geschichte doch gut gefällt. Ich habe mich für Flora gefreut und war gleichzeitig sehr betroffen. Am Ende, nachdem man das Buch zur Seite legt, ist man tatsächlich mit allen Ungereimtheiten versöhnt. Jetzt muss man damit klarkommen, dass man Floras Zukunft nicht mehr beobachten kann. Ein sehr außergewöhnliches Buch!

Das Fazit
"Jeder Tag kann der schönste in deinem Leben werden" ist ein wirklich ungewöhnliches, besonderes Buch über ein Schicksal, ein Leben. Es ist kein heiter-fluffiger Jugendroman, sondern ein tiefsinniges Buch über eine Protagonistin, die, ganz einfach ausgedrückt, für ihr selbstbestimmtes Leben kämpft - auf ihre Art. Der Stil hat es in sich, er schafft einen Einblick in Floras Gedanken, wie man ihn selten findet. Floras Geschichte ließ mich schmunzeln, die Stirn runzeln, hat mich vereinnahmt und auch bestürzt. Sei mutig, wie Flora, lass dich berühren und lies dieses Buch!


© Damaris Metzger, www.damarisliest.de


FISCHER FJB (März 2017) - Hardcover mit Schutzumschlag, 352 Seiten - 16,99 € [D]
Originaltitel: The One Memory of Flora Banks - Übersetzt von Maria Poets - ab 14 Jahren

Kommentare:

  1. Liebe Damaris,
    danke für deine Lesemeinung. Ich antworte dir auch nur auf die Rezi, weil ich es gerade erst am WE ausgelesen habe. Heute früh habe ich das Buch "All die verborgenen Dinge" ausgelesen und bin noch total "verzaubert". Mein Buch ist gespickt von den vielen kleinen grünen Zetteln ☺
    Liebe Grüße Hanne

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    1. @Hanne - Wie schön! "All die verborgenen Dinge" habe ich am WE auch ausgelesen :-) Ich mochte es sehr. Werde bald meine Gedanken dazu schreiben. Allerdings gefiel mir "Das Apfelkuchenwunder" der Autorin noch besser. Und ja, das mit den Zettelchen im Buch kenne ich auch :-)

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  2. Liebe Damaris,

    eine wunderschöne Rezi. Beim Fazit habe ich gerade nochmal Gänsehaut bekommen. Flora ist mir scheinbar doch mehr ans Herz gewachsen, als ich dachte :D
    Obwohl ich das Buch sehr mochte, ist es mir total schwer gefallen die passenden Worte dafür zu finden. Ich finde, dass so viele Überraschungen darin stecken, dass es schwierig ist, diese alle zu umschiffen, ohne etwas zu verraten. Dir ist das allerdings sehr gut gelungen.

    Viele liebe Grüße
    Nanni

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    1. @Nanni - Ach, ich kann dich so gut verstehen. Manchmal merke ich während des Rezensierens auch erst, wie sehr mir ein Charakter ans Herz gewachsen ist. Besonders schön ist das bei "schwierigen" Personen. Obwohl mir die Dinge, die am Ende des Buches rauskommen, fast etwas viel waren, fand ich Floras Geschichte toll. Sehr besonders.

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  3. Liebe Damaris,

    in Bezug auf Floras eine neue Erinnerung war ich von Beginn an hin- und hergerissen. Ich habe mich riesig gefreut, dass sie sich erinnern kann, hatte wie Du aber gleich eine negative Meinung über den Kuss an sich. Insgesamt teile ich Deinen Eindruck, dass dieses Buch ein besonders ist.

    Liebe Grüße, Hanna

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    1. @Hanna - Oh ja, diese Kuss-Sache ist mir sofort sauer aufgestossen. Ich habe dahinter einfach gleich Berechnung vermutet. Ja, das Buch ist besonders, wenn auch stellenweise sehr fordernd und anders.

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  4. Hi Damaris,
    Mir ging es genau wie Hanna, ich war auch hin und hergerissen von Floras Erinnerungen, aber im Laufe der Geschichte gehört es einfach zu ihr und ich liebe diese geschichte um Flora immer noch und es ist für mich das Monatshighlight im April... :-)

    LG
    Chrissy

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    1. @Chrissy - Ich fand Floras Leben von Anfang an sehr interessant, auch wenn sie mir manchmal einiges an Geduld abverlangt hat :-) Am Ende fand ich es auch schwer, sie und ihre Zukunft loslassen zu müssen. Sie ist mir sehr ans Herz gewachsen. Ein schönes Monatshighlight!

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  5. Liebe Damaris,
    von dem Verhalten der Mutter war ich vor allem geschockt. Aber auch einige andere Charaktere haben mich enttäuscht, dabei ist Floras Krankheit schon erschreckend genug. Zum Glück gab uns das Ende einen Hoffnungsschimmer ...
    LG Ingrid

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    1. @Ingrid - Ja, das hat mich auch geschockt. Mir waren die Dinge, die am Ende ans Licht kommen, fast etwas zu viel des Guten. Trotzdem ein tolles Buch, das mir noch lange in Erinnerung bleiben wird.

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  6. Liebe Damaris,

    "Sei mutig, lass dich berühren und lies dieses Buch" das hast du schön gesagt und ich schiebe es mir auf die Wunschliste. Denn es hat auch etwas vom Film "50 erste Dates" und den fand ich toll. Freue mich schon aufs Lesen.
    Liebe Grüße Cindy

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    1. @Cindy - "Jeder Tag kann der schönste in deinem Leben werden" ist zwar komplett anders als "50 erste Dates" aber ja, es gibt schon Parallelen bei Floras Erinnerungen. Ich glaube dir würde das Buch sehr gut gefallen, es hat etwas ganz Spezielles.

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  7. Huhu Damaris

    Bevor nun die zweite Leserunde dann startet, habe ich es endlich geschafft, die Punkte für die erste Runde einzutragen. hier kannst du diese sehen.
    Ich finde es toll, dass du auch bei "Beware that Girl" wieder mitliest.

    lg Favola

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    1. @Favola - Super, danke dir. Hab ich mir gleich auf der Challenge-Seite vermerkt :-) Und auf "Beware that Girl" freue ich mich schon.

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