Dienstag, 28. März 2017

"Das Jahr, in dem ich lügen lernte" von Lauren Wolk



Das Thema
Annabelle und ihre Familie leben in einem beschaulichen Dorf in Pennsylvania. Die Wege zu den Nachbarn und zur Schule sind weit, und auf der Farm der Familie gibt es immer viel zu tun. Doch alle kennen sich und helfen einander.
Eines Tages wird das Mädchen Betty aus der Stadt zu ihren Großeltern ins Dorf geschickt, ab da ist es mit der Idylle vorbei. Betty ist böse und grausam, sie beginnt Annabelle zu terrorisieren. Als Betty falsche Anschuldigungen und Vorurteile gegen den Toby, einen ruhigen Außenseiter des Dorfes, in die Welt setzt, möchte Annabelle ihm helfen. Denn sie kennt Toby, der zwar etwas wunderlich ist, aber niemandem etwas zuleide tut. Und plötzlich wird das Lügen für Annabelle zur Notwendigkeit.

© Cover- und Zitatrechte: Carl Hanser Verlag


Ich hatte genug von ihren Drohungen, den blauen Flecken und armen toten Wachteln.
Ich wollte nichts zu tun haben mit einem Menschen, der lächelnd seinen Finger um den Hals eines Vogels schließen und zudrücken konnte.
Ich wollte, dass Betty dahin verschwand, wo sie hergekommen war.
Ich wollte die Uhr zurückstellen, zurück zu der Stunde, bevor Betty zu uns kam. Ich wollte alles rückgängig machen, alles aus meinem Gedächtnis streichen.
- S. 62


Das Leseerlebnis
Lauren Wolk hat ihr Buch "Das Jahr, in dem ich lügen lernte" in eine Zeit geschrieben, in der man noch besonders viel Wert auf Gemeinschaft und gesellschaftliche Werte legte. Zusammenhalt, Loyalität und Ehrlichkeit waren wichtige Grundvoraussetzungen, um das damalige Leben zu meistern. Die Diskrepanz, die entsteht, wenn diese Werte gestört werden, und das durch einen einzelnen Menschen, ist ein interessanter Punkt und zog mich sofort in die Geschichte. Hier zeigt sich mal wieder, dass ein Buch auch dann sehr gut sein kann, wenn man persönlich andere Erwartungen an das Ende hatte. Der hochwertige Stil des Buches ist die reine Lesefreude, man versinkt sofort darin, auf eine eindringliche und ruhig-spannungsgeladene Art.

Die Geschichte spielt zur Zeit des Zweiten Weltkrieges, aber nicht um oder in Deutschland, sondern in den USA, in einer sehr ländlichen Gegend Pennsylvanias. Doch auch dort hatten die Menschen Angst vor der Zukunft. Viele Familien hatten im Ersten und Zweiten Weltkrieg Väter und Söhne verloren, das Leben war nicht sehr komfortabel und arbeitsreich dazu. Trotzdem wächst die 12-jährige Annabelle in ihrer Familie behütet auf. Sie hat Vertrauen zu ihren Eltern, die zu ihren Kindern sehr gut und gerecht sind.
Die Vertrautheit ändert sich, als die ältere Betty beginnt Annebelle zu belästigen, zu erpressen und zu verletzen. Diese Begebenheiten unter Kindern sind schlimm, und ich las mit wachsendem Entsetzen und Entrüstung, die zu einer großen Wut im Bauch wurde. Annabelles Gefühle kommen ungeschönt beim Leser an. Sie schwankt lange zwischen Unverständnis und Mitmenschlichkeit. Erst als sie nicht mehr weiterweiß, vertraut sie sich ihren Eltern an. Aber jetzt muss sich die Sache doch klären lassen - dachte ich. Ich selbst fühlte mich hilflos, als Betty beginnt auch noch Toby, eine wunderlichen aber freundlichen Kriegsveteran, zu beschuldigen und zu verleumden.

Menschen streben nach Gerechtigkeit. Wahrscheinlich ist das sogar eine Art Grundbedürfnis von mir. Und so war es mein sehnlichster Wunsch für Annabelle (und alle Betroffenen), dass Bettys Machenschaften aufgedeckt werden, vielleicht sogar, dass sie sie ändert, Einsicht zeigt oder, ich gebe es zu, gerecht bestraft wird. Doch es kommt anders. Obwohl dieses Anders sehr drastisch ist, stellte es mich nicht komplett zufrieden, entsprach nicht meinem Gerechtigkeitssinn. Leider sind Geschichten kein Wunschkonzert, genauso wenig wie das Leben selbst. Mir ist bis jetzt auch nicht ganz klar, was mir die Geschichte sagen möchte und was das Lügen schlussendlich für eine Rolle spielte. Unbestritten ist die Geschichte jedoch außergewöhnlich gut. Hier übe ich mich gerne in der Fähigkeit, sie einfach so stehenzulassen und das Ende nicht zu durch persönliche Wünsche zu werten.

Das Fazit
"Das Jahr, in dem ich lügen lernte" ist ein hochwertiges Buch, dessen Geschichte mich sofort für sich vereinnahmte. Die eindringliche und ruhig-spannende Atmosphäre lassen nicht los, und die Charaktere sind hervorragend dargestellt. Während des Lesens erlebte ich eine große Bandbreite von Gefühlen, wollte eine Richtigstellung, eine guten Ausgang für Annabelle, ihre Familie und Freunde. Das Ende hat mich überrascht, für mich war es unerwartet und auch etwas verunsichernd. Die Kraft, mit der die Geschichte nachwirkt, ist enorm. Sie beschäftigt mich sehr. 4 von 5 Sternen gibt es von mir.


© Damaris Metzger, www.damarisliest.de


Carl Hanser Verlag (Januar 2017) - Hardcover mit Schutzumschlag, 272 Seiten - 16,00 € [D]
Originaltitel: Wolf Hollow - Übersetzt von Birgitt Kollmann - ab 12-15 Jahren

Kommentare:

  1. Hallo liebe Damaris,

    Oh ha, dieses Buch klingt nach einer Geschichte, die mich an den Rand des Erträglichen bringen würde. Ich mag Ungerechtigkeit nämlich auch so gat nicht. Würde denn wenigstens geklärt, weshalb Betty so ist, wie sie ist?
    Liebe Grüße Cindy

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    1. @Cindy - Man erträgt "Das Jahr, in dem ich lügen lernte" recht gut, aber vieles ging mir auch sehr nahe oder war schwer nachzuvollziehen. Betty bleibt wohl ein schreckliches Original. Du solltest das Buch lesen.

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    2. Nun dann sollte ich das Buch wirklich lesen. ;)

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