Mittwoch, 8. Februar 2017

"Ich gebe dir die Sonne" von Jandy Nelson



Das Thema
Jude und ihr Bruder Noah sind Zwillinge. Sie sehen sich beide von kleinauf als NoahundJude - unzertrennlich. Dabei sind sie völlig unterschiedlich. Mit 13 ist Jude draufgängerisch. Sie surft, springt von Klippen und entdeckt Make-up und Jungs. Noah ist verträumt, malt außergewöhnlich gut und würde gerne auf eine Kunstschule gehen. Er verliebt sich mit Haut und Haar in den Nachbarsjungen.
Mit 16 reden die Zwillinge kaum noch ein Wort miteinander. Es ist etwas passiert, dass ihr Leben zerstörte. Sie sprechen nicht mehr die gleiche Sprache - NoahundJude ist Vergangenheit. Die Situation scheint aussichtslos, bis Jude etwas entdeckt, was sie ihrem Bruder wieder näherbringen könnte.

© Cover- und Zitatrechte: cbt Verlag


Ich dachte immerzu, es ist in Ordnung, ich komme damit klar. Ich kann das. Es ist okay, okay, okay. Aber das war es nicht und ich kam nicht damit klar.
Ich wusste nicht, dass man in seinem eigenen Schweigen begraben werden kann.
Und dann war es vorbei.
Und dann war alles vorbei.
- S. 68


Das Leseerlebnis
Mit ihrem Debütroman "Über mir der Himmel" hat mich Jandy Nelson bereits begeistert. Ein echter Buchschatz! Da war die Neugierde auf "Ich gebe dir die Sonne" nur folgerichtig. Im Moment fehlen mir ein bisschen die Worte, denn es ist schwer, die Gefühle zu ordnen, die sich rund um das Buch in meinem Kopf angesammelt haben. Ganz einfach ausgedrückt; ich lese wirklich viele gute Bücher, die mich begeistern. Und ich lese manchmal ein gutes Buch, bei dem ich nach den ersten Seiten denke: Wow! Einfach nur wow! So ein Buch ist "Ich gebe dir die Sonne".

Die Zwillinge Jude und Noah haben eine ganz besondere Verbindung - NoahundJude. Das spürt man sofort. Und doch ist da etwas, das wie ein schleichendes Gift in beiden wirkt. Eifersucht. Etwas davon in Noah, sehr viel davon in Jude. Noah, der viele Gedanken in Porträt-Kunst ausdrückt, beschreibt es so: Wenn ich Jude und mich mit durchsichtiger Haut male, dann sind immer Klapperschlangen in unseren Bäuchen. Ich habe nur ein paar. Jude hatte siebzehn bei der letzten Zählung. (S. 35/36). Beide eifern um die Gunst der Eltern und des jeweils anderen. Damit vergiften sie die Beziehung Stück für Stück.

Die Geschichte wird sehr speziell erzählt. Aus der Sicht des 13-jährigen Noah in der Vergangenheit, und im Jetzt, also ein paar Jahre später, aus der Sicht der 16-jährigen June. Es ist nicht schwer, der Handlung zu folgen, denn es gibt immer wieder Überschneidungen oder gemeinsame Erinnerungen.
Was mich sofort ansprang, und nicht wieder losgelassen hat, war der Sprachstil. Dieser ist einzigartig und nicht zu toppen! Er gibt einen so deutlichen Einblick in die Gefühlswelt der Zwillinge, dass ich oft komplett überwältigt war. Sehr prägnant wird der besondere Ausdruck bei den Kapiteln von Noah. Seine Art in Bildern oder sehr speziellen Vergleichen zu denken und Metaphern zu gebrauchen ist so gut, dass ich manche Passagen mehrmals gelesen habe.

Was dann schlussendlich dazu führte, dass Noah und Jude sich gänzlich voneinander entfernten, erfährt man erst, wen alle Fäden der Geschichte zueinander laufen. Das ist phänomenal gemacht und fesselt ungemein, obwohl die Dramatik im Buch von ruhiger Art ist und, bis auf wenig aktive Spannung, eine unterschwellige Wirkung entfaltet. Es stimmt alles bei dieser Geschichte: Die Darstellung der Geschwisterbeziehung, ihre individuellen Geschichten und Gefühle für andere Personen und die Lösung des Ganzen. Diese ist brillant, hoffnungsvoll und einfach richtig.

Das Fazit
"Ich gebe dir die Sonne" ist ein waschechtes Drama zum Wohlfühlen (geht das überhaupt?). Es ist ein Roman, der berührt, der fesselt und nicht wieder loslässt - und das mit einem Ausdruck und einer Hingabe, wie ich es selten erlebe. Die Geschichte ist so gut, der Erzählstil so eindrucksvoll und wortgewaltig, dass ich schon während des Lesens völlig hingerissen war. Und am Ende erst recht. NoahundJude haben sich in mein Herz geschrieben, und da bleiben sie auch. Ein Lieblingsbuch!


© Damaris Metzger, www.damarisliest.de


cbt Verlag (November 2016) - Hardcover mit Schutzumschlag, 480 Seiten - 17,99 € [D]
Originaltitel: I'll give you the Sun - Übersetzt von Catrin Frischer - ab 14 Jahren

Kommentare:

  1. Liebe Damaris

    Bei dieser begeisterten Rezension hasse ich meinen vollen Terminkalender gerade noch mehr, der mir momentan leider nicht wirklich viel Zeit zum Lesen einräumt. Aber am Wochenende bin ich viel mit dem Zug unterwegs. Dann kann ich vielleicht die aktuellen Bücher beenden und endlich zu "Ich gebe dir die Sonne" greifen. Lust hätte ich ja gerade total :-)

    Alles Liebe
    Livia

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    1. @Livia - "Ich gebe dir die Sonne" ist fast schon ein Muss-Buch. Es ist perfekt geschrieben und dabei sehr einzigartig. Du wirst es nicht bereuen, wenn du dazu greifst <3

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  2. Wie schön, dass dir das Buch so gefallen hat! Jandy Nelsons Debüt habe ich ja damals heiß und innig geliebt, "Ich gebe dir die Sonne" steht aber nun schon seit einem Jahr ungelesen auf Englisch im Regal. Und ich weiß wieder gar nicht, warum eigentlich! Dabei möchte ich Noah und Jude und ihre schwierige Beziehung doch so gern kennen lernen.
    Danke dir auf jeden Fall für die Lust machende Rezension!

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    1. @Sonne - Also alleine schon wegen deinem Spitznamen ist das Sonnen-Buch doch ein Muss! :-) Auf Englisch sicher auch ein Traum, aber ich bin ganz glücklich, dass ich es auf Deutsch lesen durfte. Ich habe zwar keinen Vergleich, aber der Ausdruck, der Übersetzung ist perfekt. Und du hast recht, "Über mir der Himmel" war auch genial. Es ist ebenfalls ein Buch, das hier nicht wieder auszieht.

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  3. Word! Ein absolutes Lieblingsbuch ♥ Und ich muss dringend ihr erstes Buch nochmal lesen.

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    1. @Friederike - Du hattest ja so Recht. Es ist wunderbar! Ich denke, eines der besten Jugendbücher - seit immer <3

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  4. Hallo Damaris,

    ich liebe begeisterte Rezensionen. Und ich liebe es noch mehr, wenn sie mich anstecken. Es ist nun so, dass ich mich schon von einigen Bloggern habe zu Büchern anstiften lassen, die ich so sonst nicht gelesen hätte. "Es wird keine Helden geben", "Was ich dich träumen lasse" und irgendwie habe ich gerade schon Lust auf dieses Buch, obwohl ich es sonst wohl nie gekauft hätte. Ach man. Schwierige Wahl! :D

    "Mein bester letzter Sommer" ist übrigens auch so ein Buch das ich nie gelesen hätte, wenn ich nicht eh die Bücher der Autorin lieben würde. ;) Ich sehe gerade, es liegt noch auf meinem Sub.

    Liebe Grüße,
    Sarah

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    1. @Sarah - Ich würde sogar behaupten, dass "Ich gebe dir die Sonne" eines der besten Jugendbücher ist. Nicht so speziell wie "Was ich dich träumen lasse", aber anderes gut, auch sehr besonders in Sprache und Ausdruck. Du kannst gar nichts falsch machen, wenn du mal reinliest :-)

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    2. Ich habe mir eben die Leseprobe schon angesehen. Noahs Sicht ist ja schon ganz cool, ich hätte nur gerne auch etwas aus Judes Sicht angelesen. Hach. Ich überlege es mir, mal sehen. Momentan stehen so viele Bücher auf meiner Liste derer, die am besten schon gestern gelesen sein sollten :D

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    3. "Eines der besten Jugendbücher" - herrje, ich kreise um dieses Buch und kreise. Nach der Aussage kreise ich noch näher darum herum ;)

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    4. @Sara - Überlege es dir wirklich :-) Noahs Sicht ist etwas "schwieriger", weil sie sehr bildlich und mit vielen Vergleichen ist. Da muss man sich erst daran gewöhnen. Judes Sicht ist nüchterner, geht aber auch sehr tief. Ich bin mir sicher, dass du das Buch lieben wirst!

      @Yvonne - Nicht mehr kreisen - lesen. :-) Es ist ein ganz besonderes Leseerlebnis!

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  5. Hey Damaris,

    oh ja, du sprichst mir einfach aus der Seele! Dieses Buch ist wirklich genial - auch für mich ist es ein Liebling geworden - einfach ganz große Schreibkunst und Poesie - echt großartig!

    Alles Liebe,
    Anna

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    1. @Anna - Ja, nicht war?! Es ist so ein tolles Buch! Jeder sollte es lesen. Ich war vom Ausdruck teilweise richtig verblüfft und sehr begeistert.

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