Mittwoch, 21. September 2016

High Five - 5 Sätze/5 Adjektive zu "Es ist gefährlich, bei Sturm zu schwimmen" von Ulla Scheler



Heyne fliegt (August 2016),
Klappenbroschur, 368 Seiten,
14,99 € [D]


Ben ist seit Ewigkeiten Hannas bester Freund. Er ist anders. Wild, tollkühn, ein Graffiti-Künstler, ein Geschichtenerzähler. Und keiner versteht Hanna so wie er. Nach dem Abi packen die beiden Bens klappriges Auto voll und fahren zum Meer. An einen verwunschenen Strand, um den sich eine düstere Legende rankt. Sie erzählen sich Geschichten. Bauen Lagerfeuer. Kommen einander dort nahe wie nie zuvor. Und Hanna hofft, endlich hinter das Geheimnis zu kommen, das Ben oft so unberechenbar und verzweifelt werden lässt. Doch dann passiert etwas Schreckliches ... (Text-, Cover- und Zitatrechte: Heyne fliegt Verlag)


Der Sommer war anders. Die Welt war weit. Wir glaubten, uns ein Stück Anders-Sein erschleichen zu können. Ein Stück Nicht-Langeweile. Ein Stück Besonderheit. [...] Wir machten die Leute um uns herum wahnsinnig, aber wir fühlten uns golden. - S. 10


5 zusammenfassende Sätze/Punkte zum Buch

  1. Es ist nur ein kurzer inhaltlicher Satz auf der Rückseite, und man weiß, dass man ein besonders Buch vor sich hat. In der Tat hat "Es ist gefährlich, bei Sturm zu schwimmen" eine poetische Sprache, voller Metaphern und bildlicher Vergleiche. Auf einige Leser könnte das opulent wirken. Mich selbst hat der Stil der Autorin beeindruckt, für ein Debüt schreibt sie absolut klasse. 
  2. Allerdings hat mich die Geschichte ganz schön gefordert. Im Grunde mag ich das auch. Charaktere, die anecken, eine Story, die polarisiert - das sind oft die Romane, die im Kopf bleiben. In diesem Fall hatte ich einige Startschwierigkeiten, schwankte zwischen Langeweile und Faszination. Ich möchte der Geschichte nicht absprechen, dass sie mit der Zeit einen Lesesog entwickelt, der den sehr eigenwilligen Charakteren und einer kleine Prise Mysterium geschuldet ist. Auf eine ruhige, manchmal anstrengende Art, geht die Geschichte unter die Haut.
  3. Alle Charaktere sind äußerst individuell oder auch schwierig-andersartig. Hanna lebt relativ angepasst, wird aber durch ihren besten Freund Ben ständig hausgefordert, bzw. fordert ihn selbst heraus. Eine Art Spiel zwischen den beiden, aus dem eine starke gegenseitige Anziehung hervorgeht. Vor allem in diesem Sommer, als für beide große Veränderungen anstehen, sie jedoch alles stehen und liegen lassen, um gemeinsam ans Meer zu fahren. Hanna benötigt dazu einen Schubs, Ben verfolgt einen Plan (der mir selbst jetzt noch sauer aufstößt). Sehr gut charakterisiert sind auch der verständnisvolle Sam und die rebellisch-verträumte Chloé, die Hanna und Ben auf ihrem Trip kennenlernen.
  4. Wirkte Ben anfangs noch recht anziehend - er ist ein wilder, unangepasster Geschichtenerzähler und Außenseiter -, haben mich seine Anwandlungen im Laufe der Handlung immer mehr gestört, sogar wütend gemacht, selbst mit dem Wissen um seinen Hintergrund. Ein normales Leben setzt er gleich mit Kapitulation oder Aufgeben, er lebt für ständige Herausforderungen, das Anderssein. Im Grunde ist Ben ein purer Egoist, der viel Drama um seine Person macht. Eine handlungsrelevante Aktion von ihm weckte in mir komplettes Unverständnis. Er ist ein Arschloch, das Aufmerksamkeit erhalten will, und tut seiner besten Freundin (und großen Liebe) Unverzeihliches an.
  5. Obwohl die eigenen Auffassungen sich gerne von denen in Romanen unterscheiden dürfen, tat ich mir mit der Grundaussage in "Es ist gefährlich, bei Sturm zu schwimmen" schwer. Diese sagt nämlich mehrfach aus, dass Liebe der ständigen Herausforderung bedarf, ein Abenteuer und Risiko sein muss. Eine normale Beziehung ist somit nicht erstrebenswert. Hannas Haltung am Ende, nach einer einschneidenden Erfahrung, empfand ich als sehr charakterschwach.

5 Adjektive, die mir spontan zum Buch einfallen

ausdrucksstark, provokant, aneckend, mysteriös und ruhig-nachdrücklich



Zusammengefasst vom Fazitbär:
"Es ist gefährlich, bei Sturm zu schwimmen" hat mich in einen literarischen Konflikt gestürzt. Da ist zum einen ein wirklich schöner, metaphernreicher Stil und eine besondere Art des Erzählens - unfassbar gut für ein Debüt. Andererseits hat das Buch eine schwierige, provokante Geschichte, die mit ihrer Entwicklung bei mir für Unverständnis sorgte. Das Leseerlebnis reicht von Langeweile, über Faszination, bis hin zur Bestürzung. Wer beim Lesen gerne herausgefordert wird, sollte durchaus einen Blick riskieren.


© Damaris liest.

Kommentare:

  1. Huch! Da wäre ich wohl auch zwiegespalten. Zum einen genieße ich polarisierende Stories, aber solche - für mein Empfinden - völlig falsche Grundaussagen würden mir die Lesesuppe wohl gehörig versalzen. Ich hab ganz fest vor, den Roman noch zu lesen und bin schon sehr gespannt, wie er mir gefallen wird! Deine 5 Sätze machen auf jeden Fall sehr neugierig! :)

    Hab einen schönen Abend!
    LG, Nana

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    1. @Nana - Ich mag polarisierende Storys auch sehr, vor allem, wenn ich die Belange der Charaktere nachvollziehen kann. Da ist es auch egal, ob sich meine eigenen Wertvorstellungen damit decken. Bei "Es ist gefährlich ..." kam mit Ben ganz schön quer. Irgendwie empfand ich ihn am Ende komplett egoistisch, vielleicht sogar etwas narzisstisch, ohne Rücksicht auf die Gefühle anderer. Das Buch hat was, ich würde dir auf jeden Fall empfehlen, es zu lesen. Vielleicht empfindest du ja auch anders. Sprachlich ist es wunderbar.

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  2. Hallo Damaris,

    die Meinungen zu dem Buch gehen wirklich weit auseinander. Ich hatte vorher nur Gutes über es gelesen und mich dann auch beim Lesen direkt in das Werk verliebt. Deshalb verfolge ich die weiteren Rezensionen zu dem Werk und bin überrascht, wie sich die Meinungen letztlich doch fächern.


    Ich kann deine Kritikpunkte sehr gut nachvollziehen, auch wenn ich das Buch zu meinen Lieblingen zähle. Der Scheibstil und die magische Atmosphäre waren für mich einfach zu gut, zu überwältigend.

    Ganz liebe Grüße,
    Jen

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    1. @Jen - Und ich kann komplett verstehen, wenn jemand vom Buch hingerissen ist ;-) Der Stil, die Atmosphäre ist wirklich kasse. Schwierige Charaktere mag ich auch, z.B. Chloé fand ich perfekt ausgearbeitet. Bens "Aktionen" waren für mich zu unverständlich, das fing schon mit der Autobahnfahrt an. Für mich war er komplett auf einem Ego-Freiheits-Drama-Herausforderungs-Aufmerksamkeits-Trip. Ich denke nicht, dass ich gewisse Verhaltensweisen bei meinem besten Freund akzeptieren könnte, schon gar nicht bei meinem festen Freund. Das Buch hat was und wird auch mir noch lange im Gedächtnis bleiben.

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  3. Liebe Damaris,
    ganz gespannt habe ich deine Meinung zu diesem Buch gelesen. Ich stecke selbst gerade mittendrin. Normalerweise lese ich Rezis erst im Anschluss, doch diesmal musste ich eine Ausnahme machen. Der Schreibstil ist wirklich total besonders und ich bin sehr gespannt, wo mich die Story noch hinführt. Ob ich die gleichen Kritikpunkte haben werde wie du?
    Liebe Grüße
    Anka

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    1. @Anka - Mittlerweile dürftest du durch sein mit "Es ist gefährlich bei Sturm zu schwimmen" und wäre ja mega auf dein Fazit gespannt. Ich fand das Buch nicht einfach ...

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  4. Hallo liebe Damaris,

    "Wir fühlten uns golden" ist eine Aussage die mich sofort anfixt. Bei "golden" denke ich gleich an "wärme" oder?

    Vom Sprachstil könnte mir dieses Buch auch gut gefallen, da bin ich sicher, allerdings was du so über die Charaktere sagst, schwierig. Schade, das es das bislang nicht als Hörbuch gibt, denn dann würde ich es mal testen.
    Liebe Grüße Cindy

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    1. @Cindy - Es gibt wirklich ganz tolle Stellen und Zitate im Buch. "Wir fühlten uns golden" hat mich sofort angesprochen. Die Geschichte selbst ist allerdings schwierig. Ich denke noch oft dran, und dann ärgere ich mich auch ...

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  5. Nach deinem Kommentar musste ich natürlich gleich mal schauen, was du so schreibst - obwohl du mir ja mehr oder weniger schon mitgeteilt hattest, dass wir uns da ziemlich einig sind.
    Verblüffend finde ich doch, wie sehr ich mit in deinem High Five wiederfinde. Den Schreibstil fand ich genauso klasse wie du, fasziniert war ich auch (und gelangweilt zum Glück nur wenig). Aber diese Wendung, diese Wendung. Ich bin sicher, das Buch hätte uns beiden bedeutend besser gefallen ohne Bens Egoismus und seine Entscheidung. Dass ihm dieses unausstehliche Verhalten einfach so verziehen wird, konnte ich auch gar nicht verstehen. Hier hast du sehr schön meine Gedanken wieder gegeben.

    Ich wünschte ja ein bisschen, ich hätte einfach irgendwo in der Mitte aufgehört, dann wäre ich nicht so wütend gewesen :D

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    1. @Sonne - Also ich bin immer noch leicht sauer, wenn ich an die Geschichte denke :-) Das hat auch was Positives, aber das Ende und Bens ganzes Verhalten gehen mir so gegen den Strich ... Trotzdem, die Geschichte hat auch was.

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