Montag, 4. Juli 2016

Review zu "Tausend Nächte aus Sand und Feuer" von Emily Kate Johnston



cbt Verlag (Mai 2016),
Hardcover/SU, 368 Seiten,
übersetzt von Petra Koob-Pawis,
16,99 € [D]


Lo-Melkhinn hat schon dreihundert Mädchen auf dem Gewissen, bevor er in ihr Dorf kommt, um sich eine neue Braut zu suchen. Als sie die Staubwolke am Horizont sieht, weiß sie, dass er das hübscheste Mädchen im Dorf mitnehmen wird: ihre Schwester. Aber das wird sie nicht zulassen. Stattdessen kehrt sie selbst mit dem geheimnisvollen Wüstenherrscher in seinen Palast zurück. Der Tod scheint ihr sicher, doch am nächsten Morgen ist sie immer noch am Leben. Von nun an erzählt sie Lo-Melkhinn jede Nacht eine neue Geschichte und jeden Morgen erwacht sie mit einem magischen Funken in sich, der von Tag zu Tag mächtiger wird ... (Text-, Cover- und Zitatrechte: cbt Verlag)


Dabei hatte ich nur das getan, was meinesgleichen tun. Ich hatte mir Meister ihres Fachs geholt, um von ihnen zu stehlen - ihre Arbeit, ihre Hände, ihr Blut. Zum Schluss hatte ich mir einen König geschnappt und sein gesamtes Königreich hatte sich mir zu Füßen geworfen. - S. 256


Meine Meinung
Geschichten aus 1001 Nacht werden für mich nie ihren Reiz verlieren. Die Mischung aus fremder Kultur, Märchen und Liebe, und die Faszination des Settings, bleiben bestehen. Das haben auch diverse Jungendbuchautoren erkannt, und greifen das Thema gerade wieder vermehrt und neu auf. "Tausend Nächte aus Sand und Feuer" ist ein Buch, mit dem man sich differenziert auseinandersetzen muss, um Zugang zur Geschichte zu finden.

Die Geschichte startet mit einem Einleitungspart, der sofort fasziniert. Ein fremdes Wesen, eine Macht, spricht zum Leser. Um was es sich handelt, weiß man zu Beginn noch nicht so genau, später wird das deutlicher, bzw. wird sich jeder Leser seine eigene Meinung darüber bilden können. Fakt ist, dass sich viele dieser Wesen im Land der Geschichte niedergelassen haben, und sich an den Künsten und Körpern der Menschen bedienen, als eine Art Parasit, der sich von den Menschen neu belebt fühlt. Das wirkt fast futuristisch, ist aber eher phantastischer Natur. Und genau das ist auch der Grund für das ungewöhnliche Verhalten des Königs und Herrschers Lo-Melkhinn.

"Mutter und Herrin", sagte ich. "Ich kann nicht in den Krieg ziehen."
"Tochter meines Herzens", erwiderte sie. "Du bist schon in den Krieg gezogen, als du an die Stelle deiner Schwester getreten bist. Du musst den Kampf nur weiterführen, dann werden wir sehen, wer am Ende den Sieg davonträgt - die Dämonen oder die Kleingötter. - S. 325

Sprachlich ist "Tausend Nächte aus Sand und Feuer" sehr besonders - märchenhaft, durch viele Vergleiche anspruchsvoll. Die Übersetzung empfand ich als perfekt. Sie bringt die Eigenheiten der Geschichte sehr gut zur Geltung. Und Eigenheiten hat der Roman viele. So hat die Autorin zum Beispiel, ausgenommen Herrscher Lo-Melkhinn, niemandem im Buch einen richtigen Namen gegeben. Auch nicht der Ich-Erzählerin und aktuellen Frau des Königs. Stattdessen werden Personen meist mit dem Zugehörigkeits- oder Verwandschaftsverhältnis und einem respektvollen Zusatz angesprochen. Das erfordert Mut, ist ungewöhnlich und reizvoll, wirkt aber oft opulent und etwas zu verbissen.

Die Handlung selbst ist sehr individuell und lässt Raum für Interpretationen. So richtig nahe fühlt man sich den Charakteren im Buch nie. Durch sehr viele Rückblicke und "Geschichten in der Geschichte" ist das Buch ruhig und zuweilen auch zäh. Ich habe mich mehrfach gefragt, ob die Geschichte jetzt einfach ungewöhnlich anders ist oder ob ich mich langweile. Nach einem spannenden und sehr phantastischen Showdown endet "Tausend Nächte aus Sand und Feuer" befriedigend und passend.

Fazit
"Tausend Nächte aus Sand und Feuer" ließ mich etwas ratlos zurück. Zwar habe ich die Geschichte verstanden, konnte sie nachvollziehen, und war von der perfekten Sprache fasziniert. Jedoch bleibt durch viele Vergleiche und Metaphern viel Raum für Interpretationen. Die Charaktere haben etwas von Statisten, und der Grundkonflikt des Buches hätte mehr Beachtung benötigt, um die Spannung im Buch zu vertiefen. So war die Handlung über einige Passagen recht zäh. Das Buch ist sehr besonders, richtiggehend ungewöhnlich, und hat darum durchaus seinen Reiz. Einfach ist es nicht. Ich vergebe 3 von 5 Punkte.

© Damaris Metzger, damarisliest.de

Kommentare:

  1. Schade, denn mit diesem Roman hatte ich nach "Zorn und Morgenröte" wirklich geliebäugelt. Zwar befürchtete ich, dass sie sich doch sehr ähnlich wären, aber wie du schon sagst, die Sprache war so malerisch, dass ich es mit Frau Johnston mal probieren wollte. Hmmm...naja, vielleicht lese ich mal ein oder zwei Kapitel rein und entscheide dann, 3 von 5 ist ja jetzt nicht wirklich schlecht und wer weiß, vielleicht gefällt es mir sogar besser als dir :)

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. @VanaVanille - Du solltest "Tausend Nächte aus Sand und Feuer" einfach mal ausprobieren. "Zorn und Morgenröte" war anders, viel romantischer und auch mitreißender. Dagegen ist TNaSuF eher poetisch und etwas schwieriger. Eine mittlere Bewertung ist nicht schlecht und sprachlich hätte es volle Punktzahl gegeben. Es kann wirklich sein, dass es dir besser gefällt :-)

      Löschen
    2. Danke für deine ausführlichen Worte. Jetzt bin ich nur noch neugieriger, weil ich ja sowieso nicht ganz auf Romantik stehe. Ich nehm' es mir mal am Freitag mit :)

      Löschen
  2. Ich finde Märchenadaptionen bzw. märchenhafte Romane ebenfalls toll, bin aber leider auch schon recht oft mit meinen hohen Erwartungen daran auf die Nase gefallen.

    PS: Ich sehe gerade, dass "Alles, was ich sehe" noch auf deinem SuB rumschwirrt: Bitte, bitte lies es ganz bald! Für mich war dieses Jugendbuch das unumstrittene Lesehighlight 2016 - bis jetzt. Du wirst Ben lieben!

    Liebste Grüße und ein wunderschönes Wochenende,
    Nana

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. @Nana - Gerada das 1001 Nacht-Märchen von Sherazade ist unglaublich eindringlich. Im Grunde war "Tausende Nächte aus Sand und Feuer" das auch. Aber etwas hat mir gefehlt und der grausame Herrscher war viel zu blass. Vielleicht waren meine Erwartungen nach "Zorn und Morgenröte" wirklich zu hoch. "Alles, was ich sehe" ist ganz neu auf meinem SuB. Freu mich schon :-)

      Löschen

Du möchtest mir etwas zu diesem Beitrag mitteilen? Dann los ... ich freue mich.