Freitag, 24. Juni 2016

Rezension zu "Ghetto Bitch" von Gernot Gricksch



Verlag: Dressler Verlag (Mai 2016)
Originaltitel: -
Übersetzer: -
Reihe: - , ab ca. 14-17 J.
Ausführung: Hardcover, 320 S.
ISBN: 978-3791500065
14,99 € [D]

Genre: Jugendroman, Drama

© Cover- und Zitatrechte: Dressler Verlag


Das Thema
Nele hat ein geniales Leben. Sie wohnt im wohlhabendsten Stadtteil von Hamburg in einer schönen Villa. Von ihren reichen Eltern bekommt sie fast jeden Wunsch erfüllt, und von ihren Freundinnen wird sie um ihren coolen Freund beneidet. Meist steht sie im Mittelpunkt, verbringt ihre Freizeit mit Shoppingtouren und Partys. Plötzlich stirbt ihr Vater und hinterlässt der Familie nichts als Schulden. Nele, ihre Mutter und ihr Bruder müssen in ein Hamburger Problemviertel, eine Hochhaussiedlung, ziehen. Für Nele fühlt sich der Umzug an wie ein Leben auf einem fremden Planeten.

Die Rezension

Der Anfang: Siebte Reihe! Sie waren ganz dicht dran! Nele würde das Gesicht der Bitch ganz genau erkennen können. Nicht so wie die Leute ganz da oben, auf dem zweiten Rang der Arena.

Das Szenario, das Gernot Gricksch sich hier für seinen Roman ausgedacht hat, ist gar nicht so abwegig. Denn wer kann garantieren, dass ein Luxusleben von Dauer ist? So hat "Ghetto Bitch" schon von Anfang an alles, was es zu einem flotten, jugendlichen Leseerlebnis benötigt. Dazu würzt der Autor seine Geschichte mit einer guten Prise Humor, etwas Spannung und durchaus auch Gesellschaftskritik.

Hauptprotagonistin Nele wird im Roman als arrogante Zicke beschrieben. Ganz so schlimm wird es aber nicht, denn Nele ist überhaupt nicht unsympathisch. Vor allem in ihrer neuen Lebenssituation im "Assi-Viertel" wirkt sie eher unsicher, darauf bedacht, nicht als das ehemalige Luxusgirl rüberzukommen. Sie will sich anpassen. Und auch, wenn sie zuweilen etwas naiv daherkommt, hinterfragt sie ihr Verhalten und ihre Aussagen. Neben Nele spielen ihr Bruder Timo und auch ihre Mutter Henriette eine bedeutende Rolle im Buch. Alle werden hier um eine Lebenserfahrung reicher. Nicht alle Vorurteile bewahrheiten sich, andere hingegen schon.
Der personale Erzähler wechselt innerhalb der Kapitel, manchmal wird die Geschichte sogar auktorial erzählt. Das ist etwas gewöhnungsbedürftig, liest sich aber spritzig. Sprachlich ist "Ghetto Bitch" hervorragend gelungen. Oftmals umgangssprachlich, werden sich manche Ohren mit der Wortwahl schwertun. Authentischer geht es kaum.

Timo hatte ungläubig gelacht, als die beiden ihm ihre Lügengeschichte vorgetragen hatten: "Das glaubt euch kein Mensch! Damit macht ihr euch total zum Affen! Die lachen euch aus!"
Doch Henriette hatte behauptet: "Du wirst dich wundern! Je größer die Lüge, desto weniger können die Leute sich vorstellen, dass man sich so etwas Unglaubliches auszudenken wagt." - S. 58/59

Zuweilen wirkt die Story etwas konstruiert. Zum Beispiel tischt Neles Familie den reichen Freunden eine riesige Lüge auf, um nicht erklären zu müssen, warum und wohin sie umziehen. Dass das Folgen hat und welchen Auswirkungen dadurch auf Nele und ihre Familie zukommen, ist vorhersehbar. Auch gängige Klischees, was ein Leben im Problemviertel alles mit sich bringt, und in welche Schwierigkeiten man geraten könnte, sind reichlich vorhanden.
Spaß macht "Ghetto Bitch" trotzdem. Die Handlung ist jederzeit interessant, oftmals polarisierend und wird sogar richtig spannend. Nach einigem Hin und Her trifft Nele eine Entscheidung, für die sie viel von ihrer Oberflächlichkeit hinter sich lassen muss, deren Konsequenzen aber nur im ersten Moment sehr einschneidend sind. Nach der dramatischen Grundidee fast schon etwas zu viel Friede, Freude, Eierkuchen. Aber nur fast.

Das persönliche Fazit
"Ghetto Bitch" ist Lesestoff für Augen und Ohren. Die derbe Authentizität einiger Charaktere, und die dramatische Lebensumstellung von Nele und ihrer Familie, hatte für mich fast etwas Sensationslüsternes. Das Buch liest sich gut, die verwendete Umgangssprache fängt die Stimmung perfekt ein. Zwar ist die Handlung ab und an etwas aufgebauscht, die Geschichte dadurch nicht sehr überraschend, Spaß macht der Roman aber allemal. Sie ist die Queen der Hood, was sie macht, macht sie good ...


Aufmachung: 4 / 5
Handlung: 3,5 / 5
Charaktere: 3,5 / 5
Lesespaß: 4 / 5
Preis/Leistung: 4 / 5

© Damaris Metzger, damarisliest.de

Kommentare:

  1. Guten Morgen liebe Damaris,

    ich finde es oft schwer vorstellbar, dass in Geschichten oder Filme die Figuren von Villa in die Problembezirke ihrer Stadt katapultiert werden. Klingt oftmals nach "von einer Extreme in die nächste". Was ist denn aber mal mit der sogenannten Mittelschicht? :)

    Dennoch glaube ich mir könnte Nele gefallen. Vielleicht erscheint "Ghetto Bitch" bald noch als Hörbuch, die Umgangssprache kommt in diesem Format bestimmt gut rüber.
    Einen schönen Samstag und liebe Grüße Cindy

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    1. @Cindy - Stimmt, die Mittelschicht wurde hier völlig aussen vor gelassen. Die reiche Familie war nach dem Tod des Vaters plötzlich hoch verschuldet und musste darum in dieses Problemviertel ziehen. Interessant war es allemal. Nele war zwar frech und etwas zickig, aber hat sich viele Gedanken gemacht und hat am Ende gute Entscheidungen getroffen. Außerdem liest sich "Ghetto Bitch" super :-) Sicher auch als HB zu empfehlen.

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