Samstag, 31. Oktober 2015

Review zu "Der Junge, der mit dem Herzen sah" von Virginia Macgregor



Manhattan Verlag (August 2015),
Klappenbroschur, 416 Seiten,
übersetzt von Wibke Kuhn,
14,99 € [D]


Der neunjährige Milo leidet unter Retinitis pigmentosa: Sein Sehvermögen lässt immer stärker nach, und irgendwann wird er vollständig erblinden. Aber noch sieht er die Welt – wenn auch nur wie durch ein Nadelöhr. Doch so bemerkt er Kleinigkeiten, die anderen entgehen. Als seine 92-jährige Großmutter dement wird und in ein Altersheim umziehen muss, fallen Milo dort seltsame Vorgänge auf. Die Erwachsenen interessieren sich für Milos Erkenntnisse nicht, und so bleiben ihm nur der Koch Tripi und sein Ferkel Hamlet, um ihm bei seiner Mission zu helfen. Milo ist nämlich entschlossen, seine Großmutter wieder nach Hause zu holen, die Machenschaften der Heimleiterin offenzulegen und - vielleicht - seine Eltern zu versöhnen. (Text-, Cover- und Zitatrechte: Manhattan Verlag)


Milo würde nicht zulassen, dass Mum Gran in ein Altenheim steckte. Er würde nur so tun, als würde er mitmachen, und dann würde Mum sich wieder einkriegen und kapieren, dass Gran hierhergehörte [...]. Und dass niemand besser auf Gran aufpassen konnte als Milo. - S. 11


Meine Meinung
Ein kleiner Junge, der sich um seine Großmutter kümmert, obwohl er selbst fast nichts mehr sieht. Der die ins Altenheim abgeschobene Gran unbedingt wieder nach Hause holen mag, umso mehr, nachdem er menschenunwürdige Zustände im Heim entdeckt. Und der alles dransetzt für das Wohl seiner Großmutter zu kämpfen, obwohl er einen Rückschlag nach dem anderen einstecken muss. Zugegeben, das Thema rührt schon bei einem Grobüberblick. Und so kann ich vorwegnehmen, dass ich "Der Junge, der mit dem Herzen sah" in mich aufgesogen habe und dabei an vielen Stellen einen dicken Klos im Hals stecken hatte. Auf der anderen Seite gab es Dinge, die mich irritieren und mit denen ich im Verlaufe der Handlung nicht ganz glücklich war.

Milo ist ein sehr selbstloser Junge, dem es egal ist, dass er eine Krankheit hat, bei der er irgendwann erblinden wird. Er sieht nur noch wenig, doch das was er sieht, sieht er im rechten Licht und mit einem unglaublichen Sinn für Gerechtigkeit. Genau das fand ich sehr bewundernswert und fühlte mit dem kleinen Kerl, der trotz seines jungen Alters schon viel zu früh Verantwortung übernehmen musste. Leider wird Milo während der Geschichte immer verbohrter, unfreundlicher und wütender. Natürlich ist das verständlich, und ich verstehe Frustration, wenn man einen Rückschlag nach dem anderen hinnehmen muss. Doch irgendwann ist Milo einfach immer wütend, selbst gegen seine Großmutter oder Personen, die ihm helfen. Mit der Zeit fiel es mir schwer, meine Sympathie für dieses bockige Kind aufrechtzuerhalten.

"Der Junge, der mit dem Herzen sah" ist vollgepackt mit Emotionen, aber auch mit klarem Schwarz-Weiß-Denken. Es ist sofort ersichtlich, dass die Leiterin des Altenheims die böse Antagonistin der Geschichte ist. Einen Grund für ihr Verhalten gibt es, jedoch wird dieser nur am Rand erwähnt, sozusagen als Mittel zum Zweck. Viele Baustellen machen den Roman sehr voll. Da ist das Grundthema der dementen Großmutter und die Heimkatastrophe, Milos Krankheit und diverse Familienprobleme. Aber auch der syrische Flüchtling, der Milo hilft, samt seinem Schicksal, und eine Liebesbeziehung, die die 92-jährige Großmutter im Heim eingeht, die ich jedoch zeitlich und inhaltlich in keiner Weise nachvollziehen und in Bezug setzen konnte. Das alles macht den Roman zwar unterhaltsam, jedoch hätte man hier reduzieren und die Gewichtung auf wenigere bedeutsame Themen reduzieren können. Das Ende ist traurig-schön, keine Heile-Welt-Schön, aber nah dran.

Fazit
"Der Junge, der mit dem Herzen sah" ist ein Roman, der das Herz anrührt und den man kaum aus der Hand legen kann, weil er unterhält und auch sprachlos macht. Milos Gefühlswelt gerät irgendwann aus dem Ruder. Verständlich ist das, jedoch nicht dazu geeignet den Jungen sympathisch wirken zu lassen. Um einige Themen reduziert, wäre das Buch noch ausdrucksstarker gewesen. So ist die Geschichte durchaus kurzweilig-reizvoll, jedoch zu wenig intensiv, um nie wieder vergessen zu werden. Dafür gibt es von mir 3 von 5 Punkte.

© Damaris Metzger, damarisliest.de

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