Freitag, 7. August 2015

Review zu "Halbe Helden" von Erin Jade Lange



Magellan (Juli 2015),
Hardcover, 336 Seiten,
übersetzt von Jessika Komina und Sandra Knuffinke,
16,95 € [D]


So ganz kann Dane sich nicht erklären, wie er da hineingeraten ist: Gerade ging er noch (überwiegend) friedlich und unbescholten zur Schule, jetzt hat er einen Aufpasserjob. Dumm nur, dass Billy D., ein neuer Schüler mit Downsyndrom, nicht will, dass man auf ihn aufpasst - viel lieber ist ihm, wenn Dane ihm beibringt, wie man sich prügelt, oder wenn er ihm hilft, seinen Dad zu finden. Der hat Billy nämlich einen Atlas mit geheimnisvollen Hinweisen hinterlassen, und Billy ist überzeugt, dass sie ihn am Ende zu seinem Vater bringen werden. Dane kann den Ärger förmlich riechen, der ihm blüht, wenn er Billy einmal quer durchs Land kutschiert, aber dessen Enthusiasmus hat er wenig entgegenzusetzen. Wo ihr Weg sie schließlich hinführt, hat keiner von ihnen geahnt ... (Text-, Cover- und Zitatrechte: Magellan Verlag)


... wollte der mich veraschen? [...] Es war schwer, Wut auf jemanden zu entwickeln, bei dem man keine Ahnung hatte, was er dachte. Schließlich deutete ich warnend mit dem Finger auf ihn.
"Hast du ein Glück, dass ich keine Mongos zusammenschlage."
Ein Schatten huschte über sein Gesicht - der Funke einer Reaktion.
"Ich bin kein Mongo", sagte er nachdrücklich, als glaubte er das tatsächlich.
- S. 9


Meine Meinung
"Halbe Helden" gehört zu den besonderen Jugendbüchern, bei dem sich die Autorin mit einem nicht alltäglichen und dazu noch schwierigen Thema beschäftigt: Downsydrom. Hier geht es aber nicht nur um eine geistige Behinderung, sondern um eine Freundschaft zwischen zwei völlig unterschiedlichen Jungen, von der beide profitieren können. Ob bewusst oder unbewusst spielt hier keine Rolle.

Die Autorin hat sich für zwei echte Originale als Charaktere entschieden. Dane ist ein schulbekannter Rüpel und Schlägertyp, der provoziert und erniedrigt, wo es geht und jede Konfrontation sucht, um seine Fäuste zu schwingen. Mädels wickelt er mit seiner charismatischen Art locker um den Finger, ist gleichzeitig aber ein guter Schüler und hat ein vertrauensvolles Verhältnis zu seiner jungen, alleinerziehenden Mutter.
Dem gegenüber steht Billy, ein cleverer Sonderschüler mit Downsyndrom, der aus schwierigen familiären Verhältnissen kommt. Er wirkt oft unsicher und abwartend, ist auf der anderen Seite aber auch sehr bestimmend und impulsiv. Er hat Dane gegenüber ein Auftreten, das dieser nicht erwartet hätte. Trotzdem würde Dane sich natürlich nie mit einem behinderten Jungen aus der Nachbarschaft anfreunden, bis er mehr oder weniger unfreiwillig von der Schule die Auflage bekommt, Billy unter seine Fittiche zu nehmen. Zwischen den Jungen entwickelt sich eine steinige Freundschaft, die beide an ihre Grenzen bringt.

Der Roman hat eine offensive und jugendliche Sprache, steckt gleichzeitig so voller Humor und Besonderheiten, dass ich mich kaum von den Seiten trennen konnte. Mich hat es sehr überrascht, wie eigenständig die Autorin einen Jungen mit geistiger Behinderung dargestellt hat, für den man zwar Mitgefühl empfindet, aber nicht ständig in Mitleid schwelgt. Ja, er kann sogar ganz schön nerven. Billy hat es faustdick hinter den Ohren und reizt Dane teilweise so sehr, dass er nicht weiß, wie er seine Wut abreagieren soll. Vor allem Dane lernt Dinge für sein Leben und gewinnt Erkenntnisse, für die er früher keinen Blick hatte.

Die Handlung behandelt viele Baustellen. Gewalt, das Aufwachsen ohne Vater aus verschiedenen Gründen, Mobbing, Streit und auch ein bisschen Jugendliebe. Ist das zu viel? Im Rückblick nicht. "Halbe Helden" wirkt nicht überladen, kombiniert Tiefsinn und Humor geschickt. Die Geschichte könnte mitten aus dem Leben stammen und hat zudem eine rührende, liebevolle Seite. Manchmal wird man beim Lesen auch traurig. Dabei entbehrt sie nicht einer gewissen Dramatik und fordert den Leser genauso wie die beiden Jungen. Überraschenderweise gingen einige Dinge im Buch anders aus, als ich das erwartet hätte. Und das war genau richtig so.

Fazit
Kann man sich mit einem solchen Buch wohlfühlen? Definitiv! "Halbe Helden" ist ein Wohlfühlbuch, das dem Leser zeitgleich einiges abverlangt und nachdenklich stimmt. Es lädt praktisch dazu ein, an den Seiten zu kleben, und vermittelt nicht das Gefühl, dass Billys Behinderung im Vordergrund steht. Die Darstellung der beiden Jungen ist so authentisch und so eigen, dass sie noch lange in Gedanken bleiben werden. Es ist ein Buch über eine Freundschaft, die neue Erkenntnisse bringt und jeden der Charaktere stark herausfordert. Lesen und überraschen lassen.

© Damaris Metzger, damarisliest.de

Kommentare:

  1. Hi Damaris!
    Das hört sich echt toll an.
    Ich selber kenne auch zwei, mittlerweile schon erwachsene, Jungs mit Downsyndron - und die sind beide sehr selbstbewußt und wissen was sie wollen, sind dabei aber auch höflich und sehr kontaktfreudig - manchmal auch spitzbübisch und können sich dann auch noch super über ihre eigenen Scherze amüsieren :)
    Das Buch kommt mit auf meine WuLi!

    Danke für die Rezi und ein schönes Wochenende!

    Sonnige Grüße,
    Su

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    1. @Su - "Halbe Helden" IST ein tolles Buch. Ich mochte vor allem den Rüpel Dane unglaublich gerne :-) und Billy ist wirklich sehr authentisch dargestellt. Lustig, spitzbübisch, aber manchmal auch schwierig und nervig. Ich konnte Dane so gut verstehen. Unbedingt lesen!

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  2. Hallo:)
    In einem früheren Post von dir bin ich ja bereits auf "Halbe Helden" aufmerksam geworden und jetzt interessiert es mich tatsächlich noch mehr. Du hast Recht, es ist eine sehr schwere Thematik, aber ich finde es auch schön, dass Leute es sich trauen, sich damit auseinanderzusetzen, denn genug haben ja Berührungsängste.
    liebe Grüße;)
    Annabel

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    1. @Annabel - Ich war erstaunt, wie leicht sich das Buch anfühlte, trotz der nicht alltäglichen Thematik. Denn Billy sowie Dane waren wirklich zwei außergewöhnliche Protagonisten. Ich kann es dir wirklich empfehlen.

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