Montag, 17. August 2015

Review zu "Das zufällige Leben der Azalea Lewis" von J. W. Ironmonger



script5 (Juli 2015),
Hardcover/SU, 432 Seiten,
übersetzt von Franca Fritz und Heinrich Koop,
18,95 € [D]


Geschieht alles aus einem bestimmten Grund?
Diese Frage quält Azalea Lewis, deren Leben von unfassbar vielen Zufällen bestimmt scheint. Da sie befürchtet, dass ihr Lebensweg vorgegeben ist und sie ihr Schicksal nicht ändern kann, vertraut sie sich einem Experten für Zufälle an: Dr. Thomas Post. Als dieser beginnt, die Rätsel ihrer Vergangenheit zu entwirren, werden seine Überzeugungen von der Liebe, dem Leben und seine Statistiken völlig auf den Kopf gestellt. (Text-, Cover- und Zitatrechte: script5 Verlag)


"[...] Der entscheidende Punkt ist doch, dass wir Menschen die großartige Fähigkeit besitzen, willkürliche Ereignisse aus unserem Leben zu nehmen und Muster um sie herum zu konstruieren. Synchonizität ist eine merkwürdige Sache, wenn sie uns widerfährt, allerdings nur deshalb, weil wir bei unseren Berechnungen vergessen, die sieben Milliarden Menschen in der Welt miteinzubeziehen, denen diese Begebenheit nicht widerfahren ist. - S. 144/145


Meine Meinung
Mit "Das zufällige Leben der Azalea Lewis" verhält es sich so, dass man sich auf den ersten Blick, und vielleicht auch nach dem Lesen der Buchbeschreibung, nicht so recht vorstellen kann, welches Leseerlebnis man hier erwarten darf. Und ich muss zugeben, dass ich etwas ängstlich an diese Geschichte heranging. Geht es um Schicksal? Um Zufälle? Oder vielleicht doch um Liebe? Meine Vorsicht war unbegründet, denn "Das zufällige Leben der Azalea Lewis" ist ein wunderbar besonderer Roman, der mich mit seiner Raffinesse an die Seiten gefesselt hat.

Dabei behaupte ich nicht, dass das Thema und der ganze Roman einfach wäre. Im Gegenteil. Den Fragen nach Zufällen, Schicksal oder Vorherbestimmung wird im Laufe der Handlung explizit nachgegangen, auch anhand von wissenschaftlichen Beispielen. Zugleich ist das Buch aber ein Abenteuerroman, ein Krimi und eine zarte Liebesgeschichte. Wie der Autor es geschafft hat, diese Dinge miteinander zu verbinden und eine derartige Geschichte zu schreiben, hat mich schwer beeindruckt. Zuerst ist die Handlung ist nicht linear, als Leser springt man zwischen den verschiedenen Jahreszahlen, in denen jeweils eigene Szenen spielen, hin und her. An einem bestimmten Punkt ist man komplett informiert und die Handlung setzt sich linear fort.
Obwohl die Geschichte teilweise fast autobiographische Züge hat, wird sie nie aus der der Sicht von Hauptcharakter Azalea erzählt. Einzig einige auktoriale Passagen lassen auf ihre Gefühle schließen. Als Leser fühlt man sich ständig als Beobachter, wird manchmal sogar direkt angesprochen. Die Sprache ist gehoben, dabei sehr fundiert und auch gefühlvoll.

"Es hat den Anschein, als würde ich von Zufällen heimgesucht, Dr. Post."
"Heimgesucht?"
"Heimgesucht. Geplagt. Überfallen. Verhext. Suchen Sie sich ein Wort aus. Die Zufälle scheinen mich auf Schritt und Tritt zu verfolgen oder mich zu beeinflussen. Ich weiß nicht, wie ich es erklären soll. Irgendwie hatte ich gehofft, dass Sie vielleicht helfen könnten." - S. 142

Azalea Ives (dann Folley, dann Lewis) kommt zu Thomas Post, dem Wissenschaftler, weil sie nicht mehr weiter weiß. Sie ist überzeugt davon, dass ihr Leben, das nur aus Verknüpfungen und Zufällen besteht, komplett vorherbestimmt ist. Sie erhofft sich von ihm eine Erklärung, denn sie möchte diese Dinge unbedingt verstehen. Und so wird Azaleas Leben dem Leser erläutert, bis man versteht, warum Azalea das Bedürfnis hat, ein Erklärung zu erhalten. Das Buch besteht aus vielen einzelnen Geschichten, die dann zusammen Azaleas Leben und Herkunft bilden. Obwohl es viele schöne Dinge im Buch gibt, habe ich mich teils auch sehr erschrocken. Einiges war hart und ging mir sehr nahe, besonders in dem Wissen, dass der Roman zwar erfunden ist, bestimmte Handlungen aber der Realität entsprechen. Das Buch hat mich sehr zufrieden, aber auch emotional aufgewühlt zurückgelassen.

Fazit
"Das zufällige Leben der Azalea Lewis" ist ein anspruchsvolles Buch, bei dem der Leser bereit sein muss, genau zuzuhören und das Gelesene wirken zu lassen. Erklärungen und Erläuterungen gehören dazu, um das Bild dieser Geschichte komplett zu machen. Azaleas Leben, ihr Schicksal und ihre Zukunftsaussichten haben mich tief berührt. Sprache, Charme und Ausdruck des Buches ist für mich allerhöchste Schreibkunst, die vom Autor geschaffenen Verknüpfungen sowieso. Das Buch ist wundervoll! Eine Top-Empfehlung für alle, die anspruchsvolle und ausgezeichnet geschriebene Literatur schätzen.

© Damaris Metzger, damarisliest.de

Kommentare:

  1. Halli hallo
    Ich bin bei diesem Buch so ein bisschen hin und hergerissen.
    Am Anfang bei den Neuzugängeposts und nach der Leseprobe dachte ich sofort dass muss ich haben.
    Gerade durch die Blogtour und Fazits bin ich wieder ein bisschen unsicherer geworden ob es mir doch nicht zu komplex sein könnte.....
    Vielleicht gucke ich auch mal ob es unsere Biblio noch anschafft ;)

    Auf jeden Fall schon eine neugierig machende Rezi
    Liebe Grüsse Bea

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    1. @Bea - Entschuldige die späte Antwort, wir waren im schönen Tessin :-)
      Ich war bei Azalea auch hin und her gerissen, hatte vor dem Lesen auch etwas Bammel. Das lag an den Meinungen und den Hinweisen, dass es ein "schwieriges" Buch ist. Es ist komplex, aber nicht so, dass man Schwierigkeiten hat. Ich mochte es sehr, wie der Autor den Leser anspricht und die Geschichte verknüpft. Und plötzlich merkte ich, dass ich völlig im Lesefluss war und das Buch mich eingesaugt hat. Trotzdem hat es wahrscheinlich nicht auf jeden Leser diese Wirkung. Die Qualität ist aber wirklich hoch.

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  2. Also ich habs mir gleich geholt ...und muss sagen ...mir hat es wirklich sehr gut gefallen. Mal etwas anderes. Allerdings finde ich die Geschichte von Menschen eh interessant, gerade wenn sie so außergewöhnlich sind. Somit kann ich das nicht wirklich objektiv beurteilen ;)

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    1. @Sasha - Genau, Azalea war wirklich mal etwas Anderes, als alles, was man so normalerweise liest. Ich mag (autobiographische) Geschichten von Menschen auch und war fasziniert davon, wie der Autor alles verknüpft hatte.

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    2. @Damaris - das stimmt allerdings. Und es war auch eine außergewöhnliche Geschichte. Auch diese unterschiedlichen Ideen die so derart ineinander übergingen, so dass sie am Ende nur in sich harmonieren konnten. Meinen Respekt vor dem Schriftsteller!

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