Montag, 4. Mai 2015

Review zu "Flügel aus Papier" von Marcin Szczygielski



FISCHER Sauerländer (Februar 2015),
Hardcover, 288 Seiten,
13,99 € [D]


Warschau um 1942: Rafal lebt mit seinem Großvater im Ghetto. Er kann sich an ein Leben ohne Hunger, Angst und Not kaum noch erinnern. Nur wenn er liest, vergisst er die schreckliche Wirklichkeit um sich herum. Schließlich gelingt es seinem Großvater, ihn aus dem Ghetto zu schmuggeln. Im Warschauer Zoo findet Rafal Unterschlupf und freundet sich mit zwei anderen Kindern an, die auch untergetaucht sind. Zusammen planen sie ihre Flucht - aber die Nazis sind ihnen bereits auf der Spur ... (Text-, Cover- und Zitatrechte: FISCHER Sauerländer)


Wenn man sich an das Vergangene erinnert, an Gutes wie an Schlechtes, kann man die Zukunft so gestalten, dass sie besser ist als die Vergangenheit. - S. 269


Meine Meinung
Viele von uns kennen diese Art von Lektüre bereits aus der Schule - Bücher über den Zweiten Weltkrieg mit dem Holocaust und den schrecklichen Verbrechen, zu denen eine deutsche Diktatur fähig war. Obwohl man meist auch diesen Büchern einen gewissen Unterhaltungswert nicht absprechen kann, sind sie nicht einfach zu verkraften, berühren und erschrecken immer wieder aufs Neue. Es geht hier keineswegs um eine Schuldzuweisung, kein Leser ist verantwortlich für diesen dunklen Fleck deutscher Geschichte. Doch sie gehört zu unserer Vergangenheit und wir sollten uns daran erinnern - damit die Zukunft besser gestaltet wird als die Vergangenheit.

Der polnische Journalist und Autor Marcin Szczygielski hat mit "Flügel aus Papier" ein Kinderbuch geschrieben, das auf historischen Fakten basiert, dem der Autor aber durch eigenen Ideen eine ganz besondere und feine Gewichtung gegeben hat. Schon das Cover rührt und bleibt im Gedächtnis, die Geschichte tut dies auch.

Mir kommt es so vor, als habe ich schon immer hier gelebt. Als wäre der Bezirk schon immer da, als gebe es schon immer zu wenig zu essen und zu viele Menschen. Als wäre schon immer Krieg und als dürfe man unter keinen Umständen vergessen, sich zu fürchten, selbst wenn man gar keine Angst hat. Das macht mich manchmal furchtbar müde. - S. 28

Der 8-jährige Rafal erzählt von seinen Erlebnissen und der Flucht aus dem Bezirk, Warschauer Ghetto, in dem alle Juden zusammengepfercht leben mussten. Er lebt mit seinem Großvater in einem keinen Zimmer, weil mehrere Familien sich die Wohnung teilen müssen. Rafals ganze Leidenschaft gilt den Büchern und der kleinen Bibliothek im Ghetto. Mit seinen acht Jahren liest er bereits komplexe Werke und kommt so an das Buch "Die Zeitmaschine" von H.G. Wells. Dieses Buch wird noch eine große Rolle in Rafals Geschichte spielen. 
Mich beeindruckte der kindliche Großmut, mit dem Rafal seine Geschichte erzählt. Der Alltag des Jungen ist geprägt von Verlust, Hunger und seelischem Leid. Dessen ist sich Rafal auch bewusst und er weiß, dass es den Familien und Kindern im Ghetto schlecht geht. Aber er beklagt sich nicht, in keiner einzigen Situation, ist dankbar für Kleinigkeiten und selbst sehr hilfsbreit.

Nachdem man Rafal eine Weile bei seinen Erlebnissen begleitet hat, nimmt die Geschichte eine Wendung, die mich überrascht und auch etwas kritisch die Stirn runzeln ließ. Nie hätte ich diesen Verlauf erwartet. Passt das zu dieser Art von Geschichten? Ich war mir nicht sicher, wollte mich aber weiterhin darauf einlassen. Am Ende passte es sehr wohl! Marcin Szczygielski gelingt hier eine Kombination von historischer Geschichte und Fiktion, wie ich sie noch nie gelesen haben. So kann man das Buch mit einem bewegten, aber guten Gefühl abschließen.

Fazit
Im Titel "Flügel aus Papier" versteckt sich das Grundthema dieses Kinderbuches. Die Hoffnung und Bedeutung, die ein kleiner Junge in einer Notlange einem Buch und seiner Geschichte beimisst. Die Handlung beruht auf Tatsachen, die Interpretation des Autors ist jedoch einzigartig. "Flügel aus Papier" wurde zurecht mit dem Astrid-Lindgren-Manuskriptpreis ausgezeichnet. Kein Scheu vor diesem Buch. Es hilft sich zu erinnern, berührt und hält so manche Überraschung parat.

© Damaris Metzger, damarisliest.de

Kommentare:

  1. Interessant! Ich hab deine Rezension schon seit dem Erscheinen abgespeichert, aber erst jetzt, nachdem ich meine eigene geschrieben habe, gelesen. Wir haben das Buch sehr unterschiedlich wahrgenommen. Ich fühlte mich nämlich erstaunlich wenig berührt - leider!
    Ich mochte das Buch, aber fand es eben recht wenig intensiv, was dann aber ja scheinbar an meiner Art es zu lesen und aufzunehmen gelegen hat.

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    1. @Tine - Mich berühren Bücher des Dritten Reiches immer sehr. Während des Lesens lastet die ganze Situation auf mir und die Protagonisten tun mir sehr leid. Wenn dann noch Kinder betroffen sind ... Man muss aber nicht immer berührt sein, dir hat das Buch ja trotzdem gefallen.

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