Sonntag, 11. Mai 2014

Review zu "Toter Sommer" von Kat Rosenfield



Fischer FJB (April 2014),
Klappenbroschur, 320 Seiten,
14,99 € [D]


Dieser schwülheiße Sommer wird der letzte sein, den Becca in ihrer Heimatstadt verbringt. Tags zuvor hat sie ihr Zeugnis bekommen und mit ihrem Freund James noch einen drauf gemacht. Doch dann passieren gleich zwei schreckliche Dinge auf einmal: Erst macht James mit ihr Schluss, und am Morgen findet man das tote Mädchen im Straßengraben. Was danach geschieht, wird Beccas Leben für immer verändern. (Text-, Cover- und Zitatrechte: Fischer FJB)


Ich schluckte meine Liebe herunter und bekämpfte den Drang, auf ihn zuzugehen, ihn zu berühren oder zu fragen, was mit ihm passiert sei. In Gedanken wiederholte ich: Ist mir egal, ist mir egal, ist mir egal, bis der Satz sich verselbständigte und in dumpfem Rhythmus gegen die Innenseite meines Kopfes hämmerte. Es war mir egal. Ich weigerte mich, Mitleid mit ihm zu haben. - S. 43


Meine Meinung
"Toter Sommer" ist nicht einfach zu kategorisieren. Auf den ersten Blick geht man von einem Jugendkrimi aus. Doch in dem Roman steckt zugleich in zeitgenössischer Roman, der auf sehr deutliche und ernsthafte Weise das Leben von Rebecca schildert, die meint in ihrer amerikanischen Kleinstadt zu versauern. Sie möchte weiterkommen, raus aus der Stadt, loslassen. Doch es gibt auch Dinge, die das Weggehen schwer machen. Es ist nicht leicht, ein altbekanntes Leben aufzugeben. Und dann wird während Rebeccas letztem Sommer zu Hause auch noch ein totes Mädchen gefunden.

Die Autorin Kat Rosenfield hat mit "Toter Sommer" ihr erstes Buch veröffentlicht und beweist damit sofort, dass sie ein ungeheures Talent zu Schreiben hat. Vom ersten Augenblick an empfand ich ihre Sprache und Ausdrucksweise als etwas Besonderes. Die Sprache ist trocken und sehr intensiv. Sie passt wunderbar zur gewählten Jahreszeit, dem Hochsommer. Kat Rosenfield wählt hier eine auktoriale Erzählweise, der Leser bekommt nicht nur Rebeccas Sichtweise der Dinge mit, sondern spürt sehr direkt, was die handelnden Personen fühlen.
Außerdem beschreibt die Autorin Umgebung, Personen und Gefühle so bildlich, dass man den flimmernden Asphalt, Schweißflecken auf Kleidung oder vor Wut geballte Fäuste detailgetreu vor sich sieht.

Schließlich hatte sich James geräuspert, geblinzelt und gesagt: "Uns ist es egal, wenn hier einer reinkommt. Wir haben nichts, was für irgendjemanden von Interesse wäre." Und ich hatte seine Hand gehalten, seine Schulter berührt und versucht, mir das Ausmaß seiner Hoffnungslosigkeit vorzustellen, mit der er sich selbst zu diesem Nichts hinzuzählte. - S. 184

Rebecca erscheint als normales Mädchen, das seit ihrer Kindheit ein derselben Kleinstadt lebt. Jetzt, als Jugendliche, möchte Rebecca aus dem Alltagstrott ausbrechen. Dabei nimmt sie auch in kauf, dass ihre Liebe zu James nach diesem letzten Sommer vorbei sein muss. "Toter Sommer" thematisiert nicht nur Rebeccas, sondern auch James' Geschichte. Vor allem James haftet etwas Trauriges und Dramatisches an.
Neben der Hauptgeschichte gibt es immer wieder Kapitel aus der Sicht von Amelia, dem Mädchen, dass man tot neben der Straße gefunden hat. Einiges wird sehr schonungslos beschrieben und die Autorin legt hier die Gewichtung nicht auf Unvorhersehbarkeit, sondern auf Eindringlichkeit. Wie Rebeccas Geschichte dann mit der von Amelia zusammenläuft, erschließt sich mit der Zeit. Hier dann mit einigen Überraschungsmomenten. 

"Toter Sommer" ist zu gleichen Teilen Krimi wie Drama. Die Handlung verläuft nicht linear, sondern es werden neben der Haupthandlung immer wieder Episoden aus früheren Begebenheiten erzählt. Nicht nur von Rebecca selbst, sondern auch Personen aus der Stadt oder ihrem direkten Umfeld. Das macht es zuweilen etwas schwer, den Überblick zu behalten. Was gehört zur Haupthandlung und was beschreibt eine Szene aus der Vergangenheit? Zudem sind einige Sätze etwas zu verschachtelt. Mit dem Lesefluss führen dann einzelne Begebenheiten zueinander.
Obwohl das Buch eine ruhige und sehr umschreibende Grundhandlung hat, versetzte es mein Inneres in Aufruhr. Im letzten Drittel hat es mich völlig mitgerissen und mir blieb an einigen Stellen vor Überraschung der Mund offen stehen. Der Schluss fühlt sich folgerichtig an, ließ mich aber nachdenklich und in einer etwas traurigen Stimmung zurück. 

Fazit
"Toter Sommer" lebt von den bildlichen Umschreibungen und dem Gefühl, dass diese im Leser wecken. Hier passt mal wieder das Lesegefühl absolut zur Geschichte. Es ist ein schwergewichtiges, dramatisches Buch, welches Charaktere und Leser gleichermaßen fordert. Die intensiven Charaktere unterstützen die ruhige und eindringliche Handlung, die vor allem gegen Schluss eine gehörige Portion Adrenalin enthält. Für Leser von nachdrücklicher und einprägsam-sensibler Literatur, ist "Toter Sommer" eine lebendige Empfehlung.

© Damaris Metzger, damarisliest.de

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