Mittwoch, 22. Mai 2013

Review zu "Du liebst mich nicht" von Edeet Ravel



cbt (Mai 2013),
Taschenbuch, 320 Seiten,
8,99 € [D]
www.cbt-jugendbuch.de


Während eines Sommeraufenthaltes in Griechenland wird die Amerikanerin Chloe gekidnappt. Tag für Tag steht das einst selbstbewusste, lebensfrohe Mädchen nun Todesängste aus. Ihre Hilflosigkeit, die körperlichen Qualen durch einen der Entführer und die Einsamkeit treiben sie an den Rand des Wahnsinns. Zu Hause kämpft man für ihre Freilassung, doch hier gibt es nur einen, auf den sie sich verlassen kann. Nur einen, der ihr Überleben sichert. Einen, den sie wirklich liebt ... ihr Peiniger. (Text-, Cover- und Zitatquelle: cbt Verlag)


Meine Meinung
Das Stockholm-Syndrom definiert ein psychologisches Phänomen, bei dem Opfer ein positives und emotionales Verhältnis zu ihrem Entführer aufbauen. Sie können sich sogar in ihren Geiselnehmer verlieben und mit ihm kooperieren, entwickeln ein ausgeprägtes Abhängigkeitsverhältnis und identifizieren sich mit den Motiven des Täters.
Das ist schon ziemlich harter Tobak, den Edeet Ravel uns hier präsentiert. Denn für Nicht-Betroffene ist der Zustand des Stockholm-Syndroms kaum nachzuvollziehen. Warum sollte ich mich in einen Menschen verlieben, der mich gewaltsam entführt hat, mir vielleicht sogar Böses will? In ihrem Roman möchte die Autorin einen Einblick in die Psyche eines Entführungsopfers geben.

Es ist schwer zu beschreiben, wie es sich anfühlt, nicht mehr frei, sondern eingesperrt zu sein. Man verspürt ein gewaltiges, unerträgliches Verlangen hinauszukommen, und je klarer man erkennt, dass es nicht geht, desto stärker wird dieses Verlangen. - Chloe, S. 55

Die Story geht damit los, dass Chloe für die polizeilichen Ermittlungen ihre Erlebnisse, während ihrer Gefangenschaft, haarklein aufschreiben soll. Sie ist somit die Ich-Erzählerin der Geschichte. Ich fand es sehr positiv, dass so schon zu Anfang klar war, wie Chloes Geiselnahme endet. Edeet Ravel konzentriert sich hier also nicht so sehr auf den Umstand, dass Chloe entführt wurde, sondern auf Chloes Gefühle - und darum geht es ja im Roman auch.
Man erfährt, warum Chloe und ihre Freundin in Griechenland an einem Freiwilligenprogramm teilnehmen, ihrer Hintergründe zu Hause und den Tathergang von ihrer Entführung. Chloe wird in ein Versteck außer Landes gebracht, wohin erfährt man nicht, man kann aber eigene Schlüsse ziehen. Alles liest sich sehr echt, obwohl man sich fragt, ob Chloes Gedanken während der Entführung realistisch sind. Immer wieder spielt sie alle möglichen Schreckensszenarien durch (Folter, Tod, sexuell motivierte Entführung, usw.). Ich behaupte an dieser Stelle einfach mal, dass meiner Meinung nach kein Entführungsopfer in den ersten Stunden zu diesen komplexen Gedankengängen fähig wäre. Zu verstörend gestaltet sich die Situation.

Die Gründe von Chloes Entführung werden bald aufgedeckt, sie sind plausibel und nicht abwegig. Auch ihre Lebensumstände während der Geiselnahme sind relativ gut. Sie wird bestens versorgt und bekommt alle möglichen Zusatzwünsche erfüllt. Bald schon verwandeln sich ihre Gedanken an Flucht in Sympathie für den einen Geiselnehmer, den sie immer zu Gesicht bekommt. Besonders nach einem etwas härteren Zwischenfall entwickelt sich zwischen den beiden eine Art Pfleger/Bedürftiger-Verhältnis.
War Chloe mir anfangs noch sehr sympathisch, nimmt dieses Gefühl schnell ab. Als sie ihrem Geiselnehmer (von dem man übrigens nie den Namen erfährt) bald sagt, dass sie ihn liebt, sanken Chloes Sympathiewerte bei mir sofort in den Keller. Wie kann sie nur? Allgemein sind alle ihre Gedanken zum Geiselnehmer wie von einer rosa Wolke umnebelt:

Ich saß auf dem Bett und schaute nach, was für Spiele auf dem Laptop waren: [...] Oh, da war auch ein Programm zum Italienischlernen; ich fand es nett, dass sich mein Geiselnehmer die Mühe gemacht hatte, es zu finden und zu installieren, und eine Woge der Zuneigung und Dankbarkeit überflutetet mich. - Chloe, S. 234

Doch genau das will die Autorin mit der Geschichte erreichen. Sie will darauf hinweisen, dass Chloes Gefühle nichts mit der Wirklichkeit zu tun haben. Okay, ihr Geiselnehmer ist zudem noch sympathisch, ruhig, gutaussehend, umsorgend und liebenswert. Das sind alles Attribute, die Chloes Gefühle in ihrer widernatürlichen Situation - der Gefangenschaft - fördern. Ein klassisches Stockholm-Syndrom entwickelt sich. Für nicht betroffene Leser sind Chloes Gedanken und Gefühle allerdings vollkommen unverständlich.
Komischerweise weiß das auch Chloes Geiselnehmer. Er weißt sie mehrmals darauf hin, dass ihre Liebe nur die Folge der Geiselnahme ist. Chloe ist über diese "Unterstellung" sogar regelrecht empört. Für mich war allerdings die Tatsache abwegig, dass Chloes Geiselnehmer sich trotzdem auf sie einlässt und romantische Handlungen zulässt. Er denkt sehr rational und ist sich dessen bewusst, dass Chloe am Stockholm-Syndrom leidet. Und dann sagt er ihr, dass er sie auch liebt?

Das Buch ist zwar abgeschlossen, es endet aber relativ offen. Chloes jetzige Situation und ob sie erkennt, dass ihre Gefühle nur situationsbedingt waren - darüber kann man sich als Leser am Ende seine eigenen Gedanken machen. Man bekommt verschiedene mögliche (medizinische) Diagnosen. Für mich war die Sache aber zu jeder Zeit eindeutig.

Fazit
"Du liebst mich nicht" ist kein Tatsachenbericht. Das Buch schildert eine erfundene Begebenheit, die sich aber genau so ereignet haben könnte. Chloes Denkweise und das Ausleben ihrer Gefühle für ihren Geiselnehmer sind anstrengend. Die Autorin hat mit ihrem Roman das erreicht, was sie meiner Meinung nach wollte. Der Leser soll und wird erkennen, dass Chloes Gefühle sich aus der Situation ergeben haben und somit nicht echt sind. Dieser Einblick ist Edeet Ravel sehr gut gelungen. Darum eignet sich "Du liebst mich nicht" für alle Leser, die gerne mal Themen lesen, die über den Teller-, bzw. Buchrand, hinausgehen.

© Damaris Metzger, damarisliest.de

Kommentare:

  1. Hallo Damaris.
    Ich denke, daß eine Geisel ab einem gewissen Zeitpunkt der Gefangenschaft Überlebensoptionen ins Auge faßt. Was wenn ich Schritte auf ihn zu mache. Verständnis, Freundschaft, gar Zuneigung. Wird er mir dann noch etwas antun können/wollen?
    So irrational uns solche Konstrukte erscheinen, in der Ausnahmesituation des Ausgeliefert sein, werfen manche solche Rettungsanker aus.

    Geiselnahme ist ein verruchtes Verbrechen, denn selbst wenn alles "nach Plan" abläuft lasten die Narben schwer. Von Kindern will ich erst garnicht anfangen...

    Gutes Buch! Noch besser, daß Du es hier besprochen hast!

    bonté

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  2. Das klingt echt spannend. Ich musste beim Lesen deiner Rezension gleich an "Mädchenmörder" von Thea Dorn denken, da ist das Stockholm-Syndrom auch ein Grundthema, allerdings kommt es da noch etwas krasser zum Vorschein, da das Entführungsopfer irgendwann dem Täter hilft, weitere Mädchen zu entführen.

    Dieses Buch kann ich auch nur empfehlen, wenn dich das Thema interessiert.

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  3. wuhuu.. tolle Rezension :D
    Klingt ja wirklich nach was für mich .zwinker.

    Liebe Grüße und schönes Wochenende! (:

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  4. wow!!!
    was für eine tolle Rezension!
    Das Buch ist direkt auf meine WL gelandet, danke!

    Ganz liebe grüsse
    Nadine

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  5. @RoM, Die von dir beschriebenen Rettungsanker sind plausibel. Chloe wirft diese aber nicht aus, sie verliebt sich einfach in ihren Geiselnehmer und findet vieles an ihrer "Haft" plötzlich nicht mehr so schlimm. Das geht soweit, dass sie am Ende gar nicht gehen mag. Ich konnte viele ihrer Gefühle nicht nachvollziehen, aber das war auch nicht der Sinn des Buches. Finde es wichtig, auch über Bücher zu schreiben, die über das "nomale" Lesevergnügen hinausgehen.

    @seitenrascheln, Oha! Das Stockholm-Syndrom in "Mädchenmörder" ist ja krass. Soweit geht das hier nicht. Chloe verliebt sich "nur". Danke für deine Empfehlung, ich behalte das Buch mal im Auge.

    @Nana, Vielen Dank. Das könnte wirklich ein Buch für die Nana sein :-) Mein Exemplar hab ich beim Tauschticket eingestellt, also wenn du Interesse hast ...

    @Nadine, Danke für dein Lob! Einen Platz auf der WuLi hat "Du liebst mich nicht" wirklich verdient! :-)

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  6. Oha, das klingt wahrlich nach hartem Lesetobak. Ich kann mir auch schwer vorstellen, wie man sich in seinen Entführer verlieben kann. Da muss man (und möchte es ganz sicherlich nicht) solch eine Situation samt Stockholm-Syndrom wohl selbst einmal durchlebt haben. Umso besser dann, wenn es der Autorin gelingt solch zwiespältige Gefühle beim Leser zu schaffen. Einerseits das Verstehen, andererseits auch das Unverständnis. Meinst du, das Buch wäre mal was für mich?

    Bussi, Reni

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  7. Ich fand das Buch ja auch sehr krass und habe es in nur einer Nacht verschlungen!
    Ich fand es aber ausnahmslos gut und habe irgendwie auch diese verqueren Gefühle gut nachvollziehen können und am Ende war ich mir WIRKLICH nicht sicher, wie viel sie sich eingebildet hat und inwiefern ihre Gefühle nun real sind oder nicht. (Als ich deine Rezension gerade las, kam ich mir ja ziemlich dumm vor... :/ )
    Naja, manches begreift man vielleicht auch später, ich fand es aber gut, dass es bewusst so offen gelassen worden ist und denke, dass "Du liebst mich nicht" das Thema insgesamt WIRKLICH gut aufgreift und verarbeitet.

    Ach ja und deine Rezension: Die ist SPITZE! ;-)
    Ganz liebe Grüße,
    Charlousie

    PS: @Reni (falls du das sehen solltest: ich würde jetzt mal behaupten, das Buch könnte etwas für dich sein! :))

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  8. PPS: WTF, da hilft ein Entführungsopfer dem Täter, weitere zu entführen?
    o.O Ich bin entsetzt, DAS ist ja krank!!!

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  9. @Reni, Also das Gleiche habe ich auch gedacht in Bezug auf "Du liebst mich nicht". Im Prinzip können wir als Nicht-Betroffene ein Stockholm-Syndrom nur schwer nachvollziehen. Ich habe es auch in Chloes Fall nicht verstanden, obwohl ihr Geiselnehmer ja attraktiv und echt nett war.
    Ob du es mögen würdest? Hmm, also du weißt ja, wie flott und gut sich cbt Taschenbücher lesen lassen. So ist es auch bei Dlmn. Das Buch ist gut, keine Frage. ABER Chloes Gedankengänge sind schon anstrengend manchmal, ich habe teils mit den Augen gerollt, weil sie als 18-jährige so kindlich rüberkam und auch dem Entführer sehr schnell sagt, dass sie ihn liebt (Originalton). Mich hat sie etwas genervt. Und auch den Entführer habe ich nicht komplett verstanden. Er weiß, warum Chloe auf ihn so reagiert (Stockholm-Syndrom!) und sagt ihr das auch. Trotzdem lässt er sich auf sie ein, und das mehr als nur küssen. Sagt auch, dass er sie liebt. Das war mir etwas too much. Du musst das einfach ausprobieren, aber wie ich dich kenne wäre Dlmn bei dir kein Prio-Buch ;-)

    @Charlousie. Erstmal WTF zu "Mädchenmörder" habe ich auch gedacht. Das muss ja ein sehr krasses Stockholm-Syndrom sein, wenn eine Entführungsopfer so abgeht!
    Ich fand Dlmn auch gut, aber auch teils anstrengend (siehe Erklärung an Reni *g*). Und warum kommst du dir dumm vor, das musst du nicht! Ich habe für mich und meine Rezi einfach mal so festgelegt, dass Chloes Gefühle nicht real, sonders situationsbedingt waren. Es ist tatsächlich Auslegungssache. Aber für mich war das ein astreines Stockholm-Syndrom, das nichts mit der Realität zu tun hatte. Aber man kommt schon ins Grübeln.
    Danke auch für dein Lob!

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  10. Das Ende ist relativ offen? Eigentlich ist es doch klar. Ein trauriger Ausgang trotz Happy End, könnte man fast sagen.

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    1. @Beatrix - Ich fand das Ende tatsächlich abgeschlossen, Chloes Situation jedoch offen. Ich hatte das Gefühl, man konnte ihr nicht helfen, sie wir auf ihrem Standpunkt bleiben. Du hast recht, traurig trotz Happy End ...

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