Sonntag, 28. April 2013

Rezension zu "Bitterzart" von Gabrielle Zevin



Verlag: Fischer FJB (April 2013)
Originaltitel: All these things I've done
Übersetzer: Andrea Fischer
Reihe: Band 1/?, ab ca. 12-16 Jahren
Ausführung: Hardcover/SU, 544 S.
ISBN: 978-3841421302
16,99 € [D]

Genre: Dystopie

© Cover- und Zitatrechte: Fischer FJB Verlag


Das Thema
Im Amerika von 2083 herrscht ständige Güterknappheit. Schokolade und Kaffee sind illegal. Anya Balanchine lebt mit ihren zwei Geschwistern in New York. Ihre Eltern sind tot und ihre Großmutter, die die Kinder erzieht, ist schwer krank. Anya muss sich darum nicht nur um ihre Geschwister kümmern, die Balanchine-Familie beherrscht auch noch den illegalen Schokoladenhandel der Stadt.
Als Anya und Win sich kennen- und lieben lernen wird Anyas Leben noch komplizierter. Denn Wins Vater ist der angehende Oberstaatsanwalt der Stadt und duldet keine Beziehung von seinem Sohn zu einem Mafia-Mitglied. Anyas Hintergrund und Familiengeschichte ist aber nun mal illegal. Jetzt wird sie vor die Wahl gestellt um ihre Liebe zu kämpfen oder die Beziehung zu Win wegen seinem Vater zu beenden.

Die Rezension

Der Anfang: Am Abend bevor ich in die elfte Klasse kam - ich war so gerade sechzehn -, sagte Gable Arsley, er wolle mit mir schlafen.

Jugendbücher mit Mafialovestory sind spannend und so anziehend wie dunkle Ecken für besagte Mafia-Gangster. Gabrielle Zevin hat bei "Bitterzart" eine solche Mafialovestory in eine dystopische Zukunftsvision gepackt. Natürlich baut auch sie auf das bekannte Element einer diktatorischen Führung und Restriktionen, welche die Bürger in ihrer Lebensfreiheit einschränken. Neu ist allerdings, Dinge wie Schokolade oder auch Kaffee zu verbieten, gerade weil für die meisten Leser solche "Kleinigkeiten" aus dem Alltag nicht mehr wegzudenken sind. Die Ansätze von "Bitterzart" sind somit gut, die Umsetzung leider so zart, dass der Roman sich nur in die Schlange der mittelmäßigen Dystopien einreihen darf.

Die Sprache des Romans ist sehr besonders gewählt. Anya, die Ich-Erzählerin, erzählt ihre Geschichte sehr einfach und persönlich. Dabei spricht sie den Leser teilweise auch direkt an oder bezieht ihn mit ein (Was kann ich sonst noch erzählen? Ach ja, ... - S. 486 oder Ich möchte nicht mit Details langweilen. - S. 489). So wirkt das Ganze, als würde Anya ihrem Tagebuch die Geschichte erzählen. Dieser Eindruck wird dadurch unterstützt, dass die Geschichte recht wenig auf aktive Kommunikation gegründet ist, dafür umso mehr erzählt wird, was gerade geschieht (z.B. Ich sagte, dass ich nun zur Schule müsste. - S. 250, statt "Ich muss jetzt in die Schule.").
Beschreibungen sind im Allgemeinen detailliert. Es fällt aber auf, dass die Erzählung zuweilen Sprünge macht oder sehr schnell abgehandelt wird. Hier vor allem, wenn es um das Thema Sex geht.
Auch der Umgangston ist locker. Das Wort "eh" findet man ständig. Gewöhnungsbedürftig, aber es ist eh davon auszugehen, dass man sich in die Besonderheiten der gewählten Sprache schnell einliest und den Unterschied eh nur unterschwellig bemerken wird.

Mein echter Daddy hatte immer gesagt, wenn man nicht so manches ignoriert, kämpft man sein ganzes Leben lang gegen Kleinigkeiten. - S. 13

Anya, als erzählende Hauptprotagonistin, ist eine große Schwachstelle des Romans. Im Laufe der Handlung wird sie immer unentschiedener und wankelmütiger. Dabei spielt es keine Rolle, ob sie Entscheidungen in Bezug auf die Mafia-Familie treffen muss oder ob es um ihren Freund Win geht. Zu Letzterem ist sie teils so unfreundlich, verbunden mit einem andauernden Auf und Ab, das es tatsächlich sehr nervt. Vor allem ihre ständig Konfliktsituation in Bezug auf das Thema Sex (oder Nicht-Sex) als gläubige Katholikin wird zu breitgetreten. Mit der Summe der genannten Gründe wird es immer schwieriger, einen Bezug zu Anya herzustellen. Ist man anfangs noch sehr an ihrem Leben und den Hintergründen interessiert, werden später Details immer uninteressanter. Das Leben in New York mit Mafia-Hintergrund, sowie Wins Vater, der leitende Staatsanwalt, werden als sehr zwielichtig und gefährlich beschrieben. Aber selbst das nimmt man der Geschichte (bis auf ein bis zwei Situationen) mit der Zeit nicht mehr so richtig ab.
Und auch Win, Anyas Darf-nicht-sein-Freund, ist viel zu blass gezeichnet und taucht in der Geschichte zu wenig auf, um ausreichend präsent zu sein. Er hat kaum einen markanten Erinnerungswert und wirkt nahezu beliebig austauschbar.

Zugutehalten muss man dem wunderschön gestalteten Roman, dass sich die knapp 550 Seiten mühelos-rasch und auch längenfrei lesen lassen. Zwar plätschert die Story ab und an etwas vor sich hin, uninteressant ist sie jedoch nie. Auch die immer wiederkehrenden Lebensweisheiten, die Anyas Vater ihr hinterlassen hat, sind sehr besonders und gefallen gut. An das Ende könnte man direkt die Fortsetzung der Serie anschließen, die noch 2013 unter dem Titel "Edelherb" erscheinen wird.

Das persönliche Fazit
"Bitterzart" ist tatsächlich Geschmacksache. Und so ist es für mich eine schon fast bittere Tatsache, dass die Geschichte und ich nur zarte Bande knüpfen konnten. Das Buch hat sehr interessante Ansätze, die Umsetzung wir vor allem durch die Charaktere Anya und Win geschwächt. Auch der Mafia-Touch konnte mich nicht komplett überzeugen. Obwohl ich mit dem Buch längenfreie Schmökerstunden hatte, sehe ich es nur im mittleren Durchschnitt unten den vielen Dystopien auf dem Markt. Ob "Bitterzart" oder bald "Edelherb", ich bevorzuge vor allem Vollmilch-Nuss. Darum reicht es hier nur für zart-durchschnittliche 3 Sterne.
Handlung: 3,0 / 5
Charaktere: 2,5 / 5
Lesespaß: 3,5 / 5
Preis/Leistung: 3,5 / 5

© Damaris Metzger, damarisliest.de

Kommentare:

  1. Ich bin jetzt kurz vor Schluss und kann mich den meisten Punkten anschließen. Vor allem zu dem Erzählstil habe ich mir einiges notiert. :-)
    Mir kam es so gar nicht wie eine Dystopie vor. Es hat zwar eine Obrigkeit, aber deren Fahrlässigkeit und Gerissenheit (Verbote-Schwarzmarkt usw) wirken auf mich so gar nicht wie in anderen Büchern. Aber vielleicht kommt der entsprechende Teil ja noch :-)

    Mal sehen, ob die letzten 100 Seiten das Ruder noch herumreißen können :-)

    Liebe Grüße

    Steffi

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  2. Hmm okaaaaay.. 3 von 5 ist dann wohl so ein ganz okay Buch.. Irgendwie rutscht dieses Buch momentan wieder von meinem Must-Read Zettelchen..

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  3. Wie schade, die Idee ist so genial! Vor allem, weil ich doch Schokolade so liebe, da ist das Thema eigentlich echt perfekt für mich. Was du allerdings über den Stil schreibst, gefällt mir schon mal gar nicht. Umgangssprache kann ich nicht leiden und genauso wenig mag ich es auch, als Leser angesprochen zu werden. Und Anya ist auch noch Katholikin? Oh nee...
    Vielen Dank für deine Rezension, jetzt weiß ich, was ich mir schon mal nicht kaufen werde, sollte ich es nirgends gewinnen ;)

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  4. Hey, hatte das Buch auch auf meiner laaaangen Leseliste, aber durch deine Rezension bin ich schon etwas enttäuscht oder besser gesagt: meine Lust, dieses Buch zu lesen wurde etwas gedämpft. :(

    Nun ja, vielleicht greife ich ja dennoch danach. Mal schauen. Ich mag übrigens deine Art, wie du die Rezensionen aufbaust. So ähnlich mache ich das auch.

    Liebste Grüße, Sani

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  5. @Steffi, Wir haben uns ja schon unterhalten und ich bin froh, dass wir das Buch ähnlich wahrgenommen haben. Ich habe mich beim Lesen auch nicht richtig "dystopiemäßig" gefühlt. Neugierig, wie es weitergeht, wäre ich aber auf alle Fälle. Nur die Zeit ... *seufz*

    @Steffi, Als ein Must-Read ist es für mich überhaupt nicht. Könnte aber gut sein, dass es dir zusagt. Vielleicht probierst du es einfach mal irgendwann? :-)

    @Sonne, Die Idee fand ich auch super, die Umsetzung war aber reiner Durchschnitt und berührt hat mich das Buch auch nicht (selbst wenn es mal "schlimmere" Szenen gab). Das war zB beim kürzlich gelesenen Artikel 5 anders. Um ehrlich zu sein glaube ich nicht, dass es deinen Geschmack treffen würde. Aber wer weiß ...

    @Sani, Ich würde mich einfach auf mein Gefühl verlassen. Vielleicht hast du ja mal richtig Lust auf das Buch, dann solltest du es probieren. Und danke für dein Lob, es dauert ja immer etwas, bis man seinen Rezistil gefunden hat :-) Bei mir sind es jetzt aber schon über zwei Jahre.

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  6. Salut, Damaris.
    Nach den ersten Zeilen hätte ich spontan auf eine Romeo-Julia-Variante getippt. Aber Angesichts der Defizite in puncto Lebendigkeit wäre dies wohl abwegig zu nennen.
    Dabei hätte eine Prohibition auf Genüße (unterschwellig auch körperliche)einen inhaltlichen Reiz geboten.
    Schade, schade...

    Um in Deiner Bildsprache zu bleiben - ein Roman mehr wie Kochschokolade.

    bonté

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  7. @RoM, Ja, daran dachte ich auch, als ich den Klappentext gelesen habe. Wäre ja auch zu schön gewesen - ich mag nämlich Romeo-und-Julia-ähnliche Storys. Leider war es nicht so und trotz dem guten Thema war es einfach zu plätschernd, aber nicht schlecht. Kochschoki würde ich nicht essen :-)))

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  8. Hoi Damaris

    Ui, wie ich lese, sind wir uns wieder einmal sehr einer Meinung ... dein Zitat ist sogar auch bei meinen dabei ....
    Tja, ich wusste doch, dass amerikanische Schokolade nichts sein kann ;-) Da bleibe ich lieber bei Toblerone. Die schmeckt und hat Ecken und Kanten ;-)

    glg Favola

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  9. Ich hab das Buch gestern und heute gelesen und kann nun endlich auch deine Rezi dazu lesen. Ich vielen Punkten kann ich dir zustimmen, auch wenn ich sie nicht so schön aufgeschrieben habe wie du. Der Erzählstil ist wirklich ein besonderer, auch wenn er mich anfangs eher gestört hat.
    Ich finde Annie allerdings sympathisch und nicht nervig und kann ihre Wankelmütigkeit ziemlich gut verstehen. Gerade in Bezug auf das Thema Sex finde ich, dass es sehr gut gelungen ist, ihre Zerissenheit (körperliche Leidenschaft auf der einen, der Wille eine gute Katholikin zu sein auf der anderen Seite) darzustellen.

    ***************** SPOILER***********************

    Das einzige, was ich wirklich überzogen fand, war die Sache mit ihrer besten Freundin am Ende. Klar würde ich die auch vor Gable schützen wollen, aber ihr deswegen die Freundschaft kündigen...???

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  10. @Favola, Mir war schon iwie klar, dass wir bei Bitterzart einer Meinung sind. Und es ist ja klar, dass die Toblerone gegen die Ami-Schoki gewinnt! :-) Deine Schokoladenmetapher war sooo spitze!

    @Tine, Der Erzählstil war auch nicht so meiner (wie das ganze Buch *g*), dabei ist er und Buch ganz sicher nicht schlecht. Ich habe in diesem Jahr schon die Arkadien-Reihe gelesen und die ist ganz großes Kino! Daran kommt die Mafia-Story von Bitterzart nicht mal annähernd ran. Mich freut es trotzdem sehr, dass es Leser gibt, denen ein Buch so gut gefallen hat, dass sie weiterlesen möchten. Die Story hat auf jeden Fall Potenzial!

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