Montag, 4. Februar 2013

Rezension zu "Rockoholic" von C.J. Skuse



Verlag: Chicken House (Februar 2013)
Originaltitel: Rockoholic
Übersetzer: Michaela Kolodziejcok
Reihe: - , ab ca. 12-16 J.
Ausführung: Hardcover, 448 S.
ISBN: 978-3551520401
16,95 € [D]

Genre: Jugendbuch

© Cover- und Zitatrechte: Chicken House/Carlsen Verlag


Das Thema
Jody lebt in einem kleineren Ort in England. Gerade ist ihr Opa gestorben, zu dem sie ein ganz besonderes Verhältnis hatte. Moralische Unterstützung bekommt sie weniger von ihrer Mutter und ihrer Schwester, dafür umso mehr von ihrem besten Freund Mac. Mac toleriert auch Jodys Obsession für ihrer Lieblingsband und deren Sänger. Sie ist nämlich absolut besessen von der amerikanischen Rockband The Regulators, vor allem von deren Sänger Jackson Gatlin, bezeichnet ihn sogar als ihren Seelenverwandten und behauptet ihn zu lieben. Einem weniger glücklichen Zufall verdankt Jody dann auch, dass sie Jackson bei einem Konzert wirklich persönlich trifft. Und noch unglücklich ist der Umstand, dass sie ihn sogar aus der Konzerthalle entführt. Jetzt sitzt der weltberühmte Rockstar Jackson in Jodys Garage und verhält sich gar nicht so, wie Jody sich das erträumt hätte ....

Die Rezension

Der Anfang: Für unsere Lokalzeitung ist der Tod meines Opas "ein schrecklicher Unfall, der Bristols Stadtzentrum lahmlegte".

Na, das klingt doch nach einer süßen Rock'n'Roll-Lovestory in Buchform. Mädchen entführt berühmten Rockstar und versteckt ihn in ihrer Garage. Nach anfänglichen Missverständnissen kommen die beiden sich näher und verlieben sich ineinander ... Stopp!! Nicht alles kommt so, wie man meint, und das beste Beispiel dafür ist "Rockoholic". Worauf man storytechnisch nach dem Klappentext und Slogans wie "Das ist Rock'n'Love" vielleicht noch wetten möchte, geht in eine komplett andere Richtung. "Rockoholic" entpuppt sich zwar als humorvolles, aber gleichzeitig als rotzfreches und unerwartet liebevolles Jugendbuch, bei dem das Love nur die zweite Geige -äh, Gitarre - spielt.

"Ich habe gerade mal drei Songs bei dem Konzert mitgekriegt, Mac ..."
"Das gibt dir aber nicht das Recht, den Leadsänger mit nach Hause zu nehmen, Jody."
"Ich weiß."
"Die meisten Leute geben sich mit 'nem T-Shirt oder 'nem Poster zufrieden. Aber nicht Jody, nein. Jody schnappt sich gleich ein Bandmitglied."
- S. 94

Die Geschichte beginnt wie ein misstönendes Gitarrenriff einer neuen und unbekannten Alternative-Rockband: Laut und brachial! Nämlich dann, wenn Hauptprotagonistin Jody die Beerdigungsfeier ihres Opas ins reinste Chaos stürzt. Schon hier merkt man, dass man es bei Jody nicht mit einem netten und liebenswürdigen Hauptcharakter zu tun bekommt. Nicht immer sind ihre Anwandlungen, gerade was ihre Obsession für die Rockband The Regulators oder ihrer Arbeitsmoral in einer Kindertagesstätte betrifft, verständlich. Obwohl, irgendwie doch, denn die meisten von uns haben in ihrer frühen Jugend in einer ähnlichen Form für eine Band oder Boygroup geschwärmt. (Die Rezensentin möchte an dieser Stelle NICHT an ihre Schwärmerei für die New Kids On The Block erinnert werden!). Vielleicht nicht ganz so krass wie Jody, ganz fremd dürfte ihr Verhalten den meisten von uns nicht sein.

Ihre rosa Rockstar-Traumwelt gerät völlig aus den Fugen, als besagter Star, in Form von Jackson Gatlin, dann wirklich in ihrer Garage sitzt. Und Rockstarallüren, die hat er! Leider in der ausgeprägtesten und negativsten Form, wie man sie sich vorstellen mag. Hier schlägt das Buch überraschend ernste Töne an. Statt jugendlicher Beschwingtheit, die man oft beim Lesen solcher Bücher fühlt, ist man teilweise richtiggehend entsetzt. Zimperlich darf man bezüglich bestimmter Körperausscheidungen nicht sein. Es wird gekotzt, gerotzt und gepisst (sorry, aber das ist wohl Rock'n'Roll). Hier fordert das Buch seine Leser stellenweise ganz schön, indem Dinge auch wirklich beim Namen genannt werden. Trotzdem könnte man es fast schon als Novum bezeichnen, dass es C.J. Skuse gelingt, trotz der ganzen Widerlichkeiten, psychisch und physisch, humorvoll und lustig zu schreiben. Andauerndes Schmunzeln oder lautes Lachen ist ebenso garantiert wie entsetztes Kopfschütteln.

Ratsch! Und noch ein Poster runter. Ratsch, ratsch, ratsch macht jedes Monatsblatt des Regulator-Kalenders. Meine Band. Mein Held. Meine Zuflucht. Mein Irrtum. - S. 166

Die Situation wäre für Jody nicht tragbar, wenn sie nicht die Unterstützung von ihrem besten Freund Mac hätte. Extravagant, stylisch, und wahrscheinlich schwul, steht er an Jodys Seite, auch wenn er nicht alles gut heißt, was Jody veranstaltet. Das sagt er ihr auch mehr als deutlich. Mac entpuppt sich schon bald als Favoritencharakter. Er ist toll! Man hat das Gefühl, dass er die Fugen bestmöglich zusammenhält, dabei bleibt er sehr authentisch und einzigartig. Außerdem rockt Macs 2-jährige Schwester Cree das Haus. Sie hat eine ganz große Rolle in der Geschichte und ist einfach zuckersüß!

C.J. Skuses Stil ist jugendlich fetzig und sehr humorvoll. Sie scheut sich nicht vor Konflikten und hält sich sehr nahe an der Realität. Außerdem hat sie die Begabung bestimmte Szenen und deren Atmosphäre so gut wiederzugeben, als wäre man dabei. Als Jody am Anfang der Geschichte das Konzert der Regulators besucht, ist das so gut beschrieben, dass man unwillkürlich denkt; Genau! Komplett richtig erfasst, so und nicht anders ist es!
Natürlich ist die Handlung einen Rockstar zu entführen rein fiktiv. Trotzdem besitzt die Geschichte eine beeindruckende Glaubwürdigkeit. Und auch wenn die Handlung in einer komplett andere Richtung geht, als erwartet, kann man gar nicht anderes - man klebt gebannt an den Seiten. Statt einer seichten Rockstar-Lovestory bekommt man eine mitreißende und auch krass-fordernde Geschichte serviert, bei der es nicht an schönen und rührenden Szenen fehlt. Der Schluss ist wunderbar und berührt sehr. Und so ist es am Ende dann doch wieder Rock'n'Love!


"Your boyfriend should be your best friend and the song that rocks you to sleep."
The Regulators - Tortuous - S. 263


Das persönliche Fazit
Ich oute mich hier nochmals als großer Musikbuchfan. Gebt mir ein Buch mit Rockstar, Rockband oder Rocksongs - es hat bei mir automatisch den Rockstarbonus! Da passte "Rockoholic" wunderbar in mein Lesebeuteschema. Doch ich bekam eine völlig andere Geschichte vorgesetzt, als gedacht. Einen Star wie Jackson Gatlin möchte ich nie in meiner Garage sitzen haben. Never ever!! Die Geschichte forderte mich ganz schön. Ich habe gelacht, war entsetzt und ebenso gerührt. Und so vergleiche ich "Rockoholic" mit dem ersten Anhören eines neuen Albums einer noch unbekannten Alternative-Band: Was sich anfangs noch etwas laut, strange und gewöhnungsbedürftig anhört, entwickelt bald den richtigen Groove, wird eindringlicher und übt einen regelrechten Sog auf die Gehörgänge aus. Und am Ende kann man gar nicht mehr genug davon bekommen. Let's rock! 5 Sterne!
Handlung: 4,5 / 5
Charaktere: 4,5 / 5
Lesespaß: 5 / 5
Preis/Leistung: 4,5 / 5

© Damaris Metzger, damarisliest.de

Kommentare:

  1. Chapeau! Das ist doch eine geniale Rezi! Vor allem das Fazit passt wunderbar zum Leseerlebnis - der Vergleich mit dem Album einer neuen, alternativ Rockband trifft genau den Ton des Buches wieder. Erst fand ichs auch etwas gewöhnungsbedürftig und Jody ist wirklich ein Freak aller erster Güte, aber besonders zum Ende hin hat die Story wirklich gerockt. Sogar Jody wurde mir plötzlich richtig sympathisch.
    Und Mac, in den bin ich immer noch schwer verliebt. Wie schade, dass er schon vergeben ist. :P

    Bussi, Reni

    AntwortenLöschen
  2. @Reni, Rockige Dankesgrüße! Ich hatte gerade den richtigen Flow und die richtige Stimmung für diese Buchbesprechnung. Mit "Freak" triffst du den Nagen, was Jody betrifft, voll auf den Kopf. Aber wir mögen ja gerade die etwas sonderbaren Charaktere und am Ende hatte ich Jody dann richtig lieb. Cree war so zucker und Mac das Sahnehäubchen der Story, trotz schwarzem Nagellack - hihi. Sogar für Jackson konnte ich mich dann noch erwämen, er hat halt doch den Rockstarbonus! :-) Bei mir zieht das Buch auch nicht aus, bin noch voll gefangen und habe das Gefühl, dass ich es iwann nochmals lesen möchte. Bussi :-*

    AntwortenLöschen
  3. Bonsoir, Damaris.
    Wie Du den Roman umschreibst, denke ich an britische, kanadische oder irische Filme, die eben diesen Ton treffen. Schräg, strange, witty und doch wie ein guter Freund - ehrlich.
    Deinen Worten entnehme ich zudem, daß Dich das Buch zu überraschen verstand. Ist doch ein angenehm kribbelndes Leseerlebnis, wenn Handlung wie Figuren laut "Ätsch" aus den Seiten gnicheln.

    Die "Kids" also... :-)

    Für den vorliegenden Ton der Prosa erscheint mir das Cover ein wenig sehr Pastell geraten. Irgendwie.

    bonté

    AntwortenLöschen
  4. Ich hab es auch gerade eben vor 10 Minuten beendet und ich hab sogar immer noch nen Kloß im Hals. Stimmt, es ist ganz anders, als man es vielleicht erwartet, aber umso mehr hat es mir gefallen :-)

    AntwortenLöschen
  5. Hi Damaris :-)
    Einmal mehr hat mich eine deiner Rezensionen supertoll unterhalten! Da bekomme ich richtig Lust, das Buch auch zu lesen . . . und wenn es bei dir nicht mehr auszieht, sollte es wohl bei mir einziehen . . . ;-)

    lG Favola

    AntwortenLöschen
  6. Wow! Irgendwie hätte ich soviel Tiefgang von dem Klappentext nicht erwartet...
    Deine Begeisterung ist mal wieder sehr ansteckend :-) Bei dir waren es noch NKOTB?
    Ich war Backstreet-Boys Fan der ersten Stunde :D

    Ganz tolle und persönliche Rezi - Danke! <3

    lg
    Steffi

    AntwortenLöschen
  7. jaja. so ein kleine gehjeime vergangenheit hat doch jeder irgendwo. bei mir war es take that. briten. hachja...
    aber ich bin eben aus den gründen auch schon oft um das buch herumgeschlichen. vielleicht sollte ich ja wirklich mal. deine rezension lässt ja wirklich mehr tiefgang erwarten, als man so auf den ersten blick denkt... hach der sub...

    AntwortenLöschen
  8. @RoM, Als ehrlich war Rockoholic auf alle Fälle, teilweise etwas schwer zu ertragen und sehr strange. Aber GUT!! Das Cover ist wirklich etwas zu soft. Es sagt auch nicht gerade viel aus.
    Jaja, die NKOTB :-) und später noch etwas Take That, grins.

    @Friedelchen, Ich hatte nach dem Lesen auch einen Klos im Hals. Wollte bestimmte Personen auch gar nicht loslassen. Und der Schluss, hach...

    @Favola, Ich danke dir für dein Lob. Rezis, die auch unterhalten mag ich persönlich auch gerne. Nur flowt es nicht immer so wie diesmal :-) Mittlerweile zieht das Rockbuch ja schon bald bei dir ein :-)

    @Steffi, Backstreet Boys waren es bei mir nie so dolle. NKTOB schon sehr, während der Schulzeit, Take That war auch noch etwas dran :-) Danke für dein Lob!

    @momo, Take That war auch toll, da war ich dann aber schon etwas älter und nicht mehr so im Schwärmmodus :-) Die Briten mach super Musik, ich sag nur MUSE, Franz Ferdinand, Oasis, etc.. Rockoholic solltest du mal probieren, ein tolles Jugendbuch!

    AntwortenLöschen
  9. Du hats mich ja schon... allein der Preis... und dann das Bücherregal, dass ich ja haben will...

    AntwortenLöschen
  10. Oh Damaris,

    auch wenn diese Rezension bereits etwas älter ist und ich erst durch deine "Dieses Buch bleibt im Regal" Aktion darauf aufmerksam gemacht wurde, zeigt sich hier, weshalb ich deinr Rezensionen so schätze und liebe.

    Du hast den Flow getroffen und hast mich sehr neugierig gemacht.

    Liebe Grüße Cindy

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. @Cinde - Vielen Dank, dass du auch noch diese (ältere) Rezension gelesen hast. Ich musste beim Lesen selbst sehr lachen. Ja, das hatte ich wohl gerade einen Schreibflow, das Buch gefiel mir einfach zu gut! Manchmal wundere ich mich selbst (und staune teilweise), was ich so alles im Laufe der Jahre geschrieben habe. Diese Rezi wäre mir wahrscheinlich heute zu lang. Das Buch solltest du unbedingt auf deine Merkliste schreiben <3

      Löschen

Du möchtest mir etwas zu diesem Beitrag mitteilen? Dann los ... ich freue mich.