Donnerstag, 29. November 2012

Rezension zu "Libellenfänger" von Katja Brandis



Verlag: ivi (Oktober 2012)
Originaltitel: -
Übersetzer: -
Reihe: - , ab ca. 14-17 J.
Ausführung: Klappenbroschur, 368 S.
ISBN: 978-3492702768
14,99 € [D]

Genre: Jugendthriller

© Cover- und Zitatrechte: ivi Verlag


Das Thema
Ricky wächst bei ihren Großeltern auf, und das hat einen ganz bestimmten Grund. Ricky wurde im Mutter-Kind-Trakt eines Gefängnisses geboren und kam als kleines Kind zu ihren Großeltern, während ihre Mutter noch die restliche Haftstrafe absitzen musste. Zu ihrer Mutter hat sie regelmäßigen, aber nicht besonders guten, Kontakt. Ricky hütet dieses Geheimnis gut, sie schämt sich für ihre Vergangenheit, und darum weiß auch niemand ihrer Schulfreunde über ihre Familiensituation Bescheid. Als bei einem Discobesuch eine Schulfreundin von Ricky stirbt, glaubt diese nicht an einen natürlichen Tod. Das Verhalten von Antonia, kurz vor ihrem Tod, spricht dagegen. Und was bedeuten die Libellenflügel, die im Zusammenhang mit Antonias Tod an verschiedenen Orten auftauchen? Ricky möchte Licht ins Dunkel bringen, doch umso intensiver sie dabei mit ihren Freunden zusammenarbeite, umso wahrscheinlicher ist es, dass diese hinter Rickys eigenes Geheimnis kommen.

Die Rezension

Der Anfang: Sie war ein herrliches Geschöpf, ein Stück des Himmels.

Thriller gehören zum beliebtesten Buchgenre. Gerade darum sind Thriller oder Krimis für Jugendliche ein echter Trend und werden gerne gelesen. Mit "Libellenfänger" kam jetzt ein besonders ansprechendes Exemplar auf den Markt. Mit dem gelb-pinken Äußeren und der großen schwarzen Libelle ist das Buch ein echter Eyecatcher und schreit förmlich danach, sofort gelesen zu werden. Auch an einen Jugendthriller hat man bestimmte Erwartungen, was die Spannung anbelangt. Diese muss keinesfalls mit haufenweise Leichen oder viel Blut erzeugt werden, aber eine spannende, gruselige Atmosphäre muss vorhanden sein. Hier kann "Libellenfänger" nicht komplett punkten. Der Roman ist gut durchdacht und schlüssig, die Spannung bleibt über einen langen Mittelteil teilweise auf der Strecke. Dafür rücken persönliche Probleme und Beziehungsgeschichten der Hauptprotagonistin in der Vordergrund.

Es war so unerwartet. Im ersten Moment wusste ich gar nicht, wovon er sprach. Dann traf es mich wie ein Schlag in den Magen.
"Das geht dich nichts an", sagte ich, stellte die volle Kaffeetasse auf seinen Schreibtisch und ging hinaus, durch den Flur, aus der Wohnung, aus dem Haus. - S. 61

Ricky ist nach außen hin sehr tough und oft um keine bissige Antwort oder Gedanken verlegen. Sie lässt sich nicht schnell von ihrem gewählten Weg abbringen und geht auch den kleinsten Hinweisen nach. Das macht sie zu einer Hauptprotagonistin, die man gerne liest. Zudem hat sie auch eine sehr gefühlvolle, verletzbare Seite. Diese zeigt sie nach außen hin aber nicht, weil sie immer in Sorge lebt, dass ihre Freunde hinter ihr Familiengeheimnis kommen könnten. Darum wirkt sie sie auf ihre Freunde und Bekannten auch oft verstockt und bockig. Durch ihrer Gefängnisvergangenheit hat sie einige sehr ungewöhnlich, fast schon skurrile, Bekanntschaften. Diese geben der Geschichte aber einen reizvollen Pep.
Kriss, Rickys beste Freundin, nimmt eine Nebenrolle in der Geschichte ein. Man lernt sie nicht gut genug kennen, um sich ein vollständiges Bild von ihr zu machen oder sie für die Geschichte sehr wichtig zu nehmen.
Die zweite Hauptperson ist Marek, ein sehr cooler Junge, der seine Haare, in leuchtenden Farben färbt. Mal Azurblau, Grün oder Orange. Das entscheidet er je nach Situation oder Stimmung. Er wirkt sehr lässig und cool, kann aber auch ernsthaft und hilfsbereit sein. Mareks Person gefällt sehr gut. Während ihren Ermittlungen kommen Ricky und Marek sich näher. Die Lovestory verläuft aber nicht ohne Komplikationen. Ob diese für die Geschichte nötig gewesen wären? Wahrscheinlich nicht.

"Libellenfänger" startet mit einem echten Gänsehautprolog, der dem Namen des Buches alle Ehre macht. Sehr gruselig, sehr spannend, sehr dicht. Auch während der gesamten Story wird man immer wieder gekonnt in die Irre geführt. So ist man sich nie sicher, ob Personen auch wirklich das darstellen, was sie vorgeben. Nach dem Todesfall zu Beginn nimmt die Spannung leider ab. Das liegt vor allem an Rickys Ermittlungen, oft im Alleingang und nicht immer auf Tatsachen gestützt. Manchmal ermittelt sie rein nach Vermutung oder nach einer Einschätzung, die sie von unbeteiligten Personen erhalten hat. Die Auflösung gegen Ende ist dann eine kleine Überraschung und hier steigt die Spannung auch wieder an. Am Schluss ist man dann sehr zufrieden, weil wirklich alle aufgekommenen, Fragen geklärt sind.

Das persönliche Fazit
Meine Augen fing "Libellenfänger" sofort ein, das auffällige Cover spricht einfach für sich. Insgesamt war die Geschichte für mich etwas zu unspannend. Obwohl Ricky verbissen ein Verbrechen aufklären will und fleißig ermittelt, war mir der Mittelteil zu gewollt auf Ermittlungsarbeit getrimmt. Auch habe ich mich manchmal gefragt, ob alle vorkommenden Personen für die Handlung nötig gewesen wären. Richtiges Thrillerfeeling bekommt man dann im letzten Buchdrittel. Für junge Krimifans ist "Libellenfänger" schon wegen der toller Idee und der wirkungsvollen Sprache mehr als einen ersten Blick wert. 3 Sterne gibt es von mir.


Aufmachung: 4 / 5
Handlung: 3 / 5
Charaktere: 3,5 / 5
Lesespaß: 3 / 5
Preis/Leistung: 3,5 / 5

© Damaris Metzger, damarisliest.de

Montag, 19. November 2012

High Five - 5 Sätze/5 Adjektive zu "Der Märchenerzähler" von Antonia Michaelis



Oetinger (Februar 2011),
Hardcover/SU, 448 Seiten,
16,95 € [D]


Abel Tannatek ist ein Außenseiter, ein Schulschwänzer und Drogendealer. Wider besseres Wissen verliebt Anna sich rettungslos in ihn. Denn es gibt noch einen anderen Abel: den sanften, traurigen Jungen, der für seine Schwester sorgt und der ein Märchen erzählt, das Anna tief berührt. Doch die Grenzen zwischen Realität und Fantasie verschwimmen. Was, wenn das Märchen gar kein Märchen ist, sondern grausame Wirklichkeit? Was, wenn Annas schlimmste Befürchtungen wahr werden? (Text- und Bildquelle: Oetinger Verlag)


Zwei Dinge in eigener Sache, weil ich bei diesem High Five wahrscheinlich nicht objektiv-neutral, sondern eher subjektiv-emotional schreiben werde:
Erstens: Das war ja so klar! Da will ich mal EIN Buch, ein einziges Buch, für mich lesen. Nur für mich. Ohne etwas darüber zu schreiben. Dann geht mir gerade dieses Buch so nah, dass das nicht geht. Jetzt, nach Beendigung habe ich das Gefühl ich brauche eine Therapie - eine Schreibtherapie.
Zweitens: Manchmal meint es das Schicksal gut mit uns und stellt uns (rein zufällig!) für ein Buch "Lesegesellschaft", in Form eine Mini-Leserunde, zur Verfügung. Asaviel und ich hatten uns entschieden "Der Märchenerzähler" gemeinsam zu lesen, einfach weil wir das Buch beide auf dem SuB hatten und weil wir schon zwei Bände der Splitterherz-Trilogie gemeinsam gelesen hatten (ein emotionales Auf und Ab). Dass uns beide "Der Märchenerzähler" dermaßen mitnimmt, konnten wir nicht ahnen, und wir waren froh, das Gelesene nicht alleine verarbeiten zu müssen. Zum Glück!


"Ich springe über tausend Schatten", sagte er. "Es ist nicht so leicht, weißt du." - S. 354


5 zusammenfassende Sätze/Punkte zum Buch

  1. Ich wusste über "Der Märchenerzähler" praktisch nichts, nur das, was im Klappentext steht und dass es "ein ganz tolles, emotionales Buch" sein soll. Orientiert man sich am Klappentext, könnte man eine Art Highschool-Lovestory, bei der ein Mädchen sich in einen Bad Boy verliebt, erwarten. Vielleicht noch mit einigen Thrillerelementen. Doch die Geschichte ist viel mehr als das. Sie geht mir immer noch nahe. Es war gut, dass ich nicht mehr darüber wusste.
  2. Die Handlung ist unterteilt in einen realen Verlauf und Märchenparts, bestehend aus einer zusammenhängenden Geschichte, die Abel seiner Schwester Micha und Freundin Anna erzählt. Der Sinn dahinter geht tief und erschließt sich einem bald. Zuerst war ich etwas irritiert, wenn wieder eine Märchenerzählung folgte (ich gebe zu, ich wäre dann lieber bei der "richtigen" Story geblieben). Mit der Zeit verfolgt man die Märchenteile aber genau so interessiert. Die Zusammenhänge zwischen Alltag und Märchen sind genial und großartig ausgearbeitet!
  3. Antonia Michaelis hat einen ganz speziellen Stil. Sie schreibt in diesem Buch sowohl im Präsens, als auch im Präteritum, meistens aus der Sicht eines personalen Erzählers, wechselt aber auch mal in die auktoriale Erzählform. Dazu verwendet sie viele kurze Sätze und hält die Kommunikation und Gedanken der Protas sehr pur, so wie sich Jugendliche im realen Leben auch unterhalten würden. Obwohl ich diesen Stil ganz großartig finde, brauchte ich etwas, bis ich mich eingelesen hatte. Ich bin anfangs oft über Sätze gestolpert oder mit den Augen zurückgesprungen, vielleicht um genau zu erfassen, was da steht. Dieser Stil gehört zum Buch wie Märchen zu den Gebrüdern Grimm (könnte man meinen). Irgendwann hat man sich daran gewöhnt und kommt nicht mehr von den Seiten los!
  4. Anna ist eher normal (mit großem Herz!) und Abel ist überhaupt nicht normal (aber ebenfalls mit großem Herz!). Er hat offensichtliche Probleme und auch solche, die man nicht auf den ersten Blick erkennt, die aber die Vorstellungskraft von vielen Lesern überschreiten werden. Asaviel und ich haben fleißig zwischen den Zeilen gelesen - und wir hatten recht, und wir waren sehr ergriffen, und teilweise echt geschockt, und auch etwas fassungslos, ... Ich dachte oft "bitte lass es nicht so sein wie ich vermute". Manche Dinge in der Geschichte möchte man nicht akzeptieren, muss aber. Abel gehört zu den Buchcharakteren, die einem immer in zwiegespaltener Erinnerung bleiben werden. Er hat nicht nur einiges zu verbergen, manche "Aktionen" von ihm gehen gar nicht! Man ist regelrecht entsetzt! Trotzdem hatte er meine volle Loyalität (oder sollte ich besser Mitgefühl sagen?)  - immer! Gerade, weil ... , ach, das muss man selbst lesen, um hinter die Fassade blicken zu können.
  5. Die Autorin beschreibt Gefühle von Personen auf eine sehr bildliche Art, benützt dazu viele Vergleiche und Metaphern. In einigen Situationen schreibt sie aber sehr hart und schonungslos - einfach sehr real. Ich erinnere mich an eine Wendung, nach der wir so geschockt waren, dass wir erst mal Redebedarf hatten. Zum Glück gibt's Telefon!
  6. Ups, waren wir schon bei 5.? Egal ...
  7. Das Grundgerüst der Handlung ist ein spannender, blutiger und sehr dramatischer (Jugend-)Thriller. Es gibt ruhige Parts, in denen man sich seine eigenen Gedanken machen kann, Teile, wo man auch mal auf die falsche Fährte gelockt wird und Stellen, die so spannend sind, dass man das Buch nicht aus der Hand legen kann. Außerdem ist diese Geschichte das beste Beispiel dafür, dass man kleine Schwäche in der Handlung GERNE verzeiht. Ich wüsste nicht, ob ich an einem entscheidenden Punkt wie Anna reagiert hätte, das ging mir etwas schnell. Auch ein Lösung gegen Ende wäre wohl in der Realität nicht so einfach gewesen. Schwamm drüber!
  8. Ich muss zugeben, dass ich am Anfang kurzzeitig die Befürchtung hatte, dass mich das Buch nicht so packt, wie von allen Seiten zugetragen. Weit gefehlt! Es bleibt in meinem Regal. "Der Märchenerzähler" ist meiner Meinung nach kein Buch für junge Jugendliche. Eine gewisse Grundreife ist Pflicht! Das Thema an sich sich ist schon schlimm genug und am Ende an Tragik nicht zu übertreffen. Mutig, dass Autorin und Verlag die gewählte "Lösung" veröffentlicht haben. Ich war nach dem Lesen fix und fertig und konnte nicht einschlafen. Das passiert mir nicht oft. Mannomann! Und bei aller Härte hatte ich sogar Verständnis für diesen Lösungsweg. Aber ich musste ganz doll schlucken und feste die Tränen wegblinzeln!

5 Adjektive, die mir spontan zum Buch einfallen

..... , ..... , ..... , ..... und  .....



Zusammengefasst von mir: (der Fazitbär hat heute Pause, weil er
zu diesem Buch nicht die passende Mimik auf Lager hat)
"Der Märchenerzähler" ist wahrlich harte Kost! Und bei mir klopfen leise die Gedanken an, ob die Geschichte, samt Schlusslösung, richtig jugendbuchgeeignet ist. Schon das Drumherum der Geschichte ist schlimm, die Hauptthematik will man nicht wahrhaben. Trotz allem ist die Geschichte einfach wunderschön und an Eindringlichkeit nicht zu übertreffen. Ich kann sie jedem empfehlen, der sie sich zutraut. Diese Buch vergisst man nie!

Und plötzlich wusste sie, was sie wollte. Ganz genau. Sie wollte zu ihm. Wenn sie heil aus diesem Schneesturm herauskäme, würde sie zu ihm gehen, fahren, sich wehen lassen, kriechen ... egal. - S. 341

© Damaris liest.

"Rette mich" (Engel der Nacht 3) von Becca Fitzpatrick - NEU ab März 2013 bei Page & Turner

Ohhh, was mussten meine müden Morgenäuglein da gerade erblicken?! Ab März 2013 erscheint bei Page & Turner der dritte Band der Engel der Nacht-Tetralogie "Rette mich" (engl. "Silence"). YESYES!!




(li) deutsche Ausgabe "Rette mich" (März 2013), (re) US-Version "Silence" (Oktober 2011)


Endlich ist hier ein Termin in Sicht. Von Band 1 "Engel der Nacht" war ich einfach nur fasziniert. Düster, kribbelig und humorvoll - einfach perfekt! Auch heute noch gehören Nora und Patch für mich zu DEN Romanpärchen (die Hauptschuld trägt hier eindeutig der gefallene Engel Patch!). Von Band 2 waren dann einige etwas weniger angetan. Ich nicht! Und so habe ich mir im Dezember 2012 aus NYC auch den englischen Band 3 "Silence" mitgebracht. Dieser Band durfte mittlerweile von meinem SuB ausziehen und ist jetzt das einzige Buch, welches in meinem Regal nur zur Deko stehen darf (schließlich gibt man ein New York Souvenir auch nicht so einfach weg). Lesen werde ich den dritten Band dann also im März auf Deutsch.
 
Einen deutschen Klappentext gibt es noch nicht, die englische Version kann man HIER nachlesen.
"Rette mich" wird ca. 480 Seiten umfassen und wahrscheinlich 16,99 € kosten. Nähere und noch folgende Infos findet ihr bei Random House auf der Buchinfo-Seite von Page & Turner.
 
 
Reiheninfo zur Engel der Nacht-Tetralogie:
 
 
Band 1 "Engel der Nacht", August 2010, engl. Hush, Hush
Band 2 "Bis das Feuer die Nacht erhellt", Nov. 2011, engl. Crescendo
Band 3 "Rette mich", März 2013, engl. Silence
Band 4 ??, engl. Finale, Oktober 2012
 

Sonntag, 18. November 2012

Rezension zu "Rot wie das Meer" von Maggie Stiefvater



Verlag: scipt5 (November 2012)
Originaltitel: The Scorpio Races
Übersetzer: Sandra Knuffinke u. Jessika Komina
Reihe: - , ab ca. 16 J.
Ausführung: Hardcover/SU, 432 S.
ISBN: 978-3839001479
18,95 € [D]

Genre: Urban-Fantasy

© Cover- und Zitatrechte: script5 Verlag


Das Thema
Im Meer, rund um die Insel Thisby, und nur dort, leben Wasserpferde - die Capaill Uisce. Es sind keine gewöhnlichen Pferde, sondern gefährliche Raubtiere. Jedes Jahr, kurz vor November, zieht es diese Wesen aus der See an Land, wobei es viele Unfälle gibt und schon mancher Inselbewohner getötet wurde. Es sind wilde Geschöpfe, kaum zu zähmen. Trotzdem habe die Menschen auf der Insel eine besondere Beziehung zu diesen ungewöhnlichen Pferden. Manche fangen sie ein, um sie für das große Scorpio-Rennen, das jedes Jahr im November stattfindet, zu trainieren. In den Trainingswochen und dem abschließenden Rennen sind der Strand und das Meer rot vom vielen Blut.
Sean und Puck sind Inselbewohner. Während Sean bei einem reichen Gestütsbesitzer als Rennpferde- und Wasserpferdetrainer angestellt ist, hat Puck ihre Eltern an die Capaill Uisce verloren. Beide wollen in diesem Jahr am Scorpio-Rennen teilnehmen. Sean, um die Chance zu bekommen, das Capall Uisce und Rennpferd Corr zu kaufen und selbstständig zu leben. Puck, um mit dem Preisgeld für ihre Brüder zu sorgen und das Haus zu retten. Dann lernen die beiden sich kennen und die Motivation das Rennen zu gewinnen wird kompliziert ...

Die Rezension

Der Anfang: Heute ist der erste November und das bedeutet, heute wird jemand sterben.

Maggie Stiefvater hat eine grandiose Begabung. Sie schreibt Fantasybücher, bei denen man nicht das Gefühl hat eine Fantasygeschichte zu lesen. In der Urban-Fantasy ist es normal eine reale Welt als Grundschauplatz zu nehmen und dieser eine paranormale Spezies zuzuordnen, meist in Form eines übernatürlichen Jungen oder Mädchen. Maggie Stiefvater kreierte hier einen erfundenen Schauplatz, die Insel Thisby, und kombinierte diesen mit ihren eigenen Ideen der irisch-schottischen Legende der mythischen Wasserpferde. Heraus kam "Rot wie das Meer", eine sehr real anmutende Geschichte über die Gefühle und Sorgen zweier Inselbewohner und den Capaill Uisce, Wasserpferden die so gefährlich sind, dass sie genauso gut Haie sein könnten.

Sean ist jedem Inselbewohner gut bekannt. Erstens hat er das Scorpio-Rennen schon viermal gewonnen, gilt hier also als Favorit, zweitens kann er so gut mit Pferden und Wasserpferden umgehen, dass er als Pferdeflüsterer zu jedem Problem gerufen wird. Er ist ein sehr sensibler, ruhiger Typ, mit dem viele Leute nicht so recht warm werden.
Puck wirkt nach außen hin sehr frech, zynisch und hart. Diese Schutzmechanismen hat sie sich nach dem Tod ihrer Eltern zugelegt, seitdem sind sie und ihre zwei Brüder auf sich alleine gestellt. Vor Wasserpferden hat sie große Angst, da diese für den Tod ihrer Eltern verantwortlich sind.
Beiden Hauptcharakteren nimmt man ihrer Stimmungen, Ängste und Sorgen sofort ab. Der Leser wird ab Buchbeginn mitten in der Welt von Sean und Puck abgesetzt und fühlt mit ihnen, als würde er ihren kompletten Lebenslauf kennen. Beide sind nicht einfach, aber ihre Charaktereigenschaften plausibel und echt, im Gesamtbild sehr gefühlvoll. Die wechselnde Ich-Erzählform aus der Sicht von Sean und Puck halten das Interesse an beiden Personen konstant hoch.

"Und was hält dich hier?"
"Der Himmel und der Sand und die See und Corr."
- S. 228

Das Buch ist ungewöhnlich. Die Personen sind speziell und das Thema sowieso. Auch eine in die Handlung eingeflochtene, zarte Lovestory ist auf ihre Weise nicht mehr alltäglich in Büchern. Sehr beeindruckend ist auch die Umsetzung der Charaktereigenschaften der Capaill Uisce (sprich KAPpl ISCHke), die sich von normalen Pferden nur durch ihre hohe Aggressivität und minimale äußerliche Veränderungen unterscheiden. Man merkt hier, dass die Autorin etwas von Pferden allgemein versteht. Jedes Aufstampfen mit dem Huf, Zucken der Ohren oder Neigung des Kopfes sind "wie in echt". Pferdebesitzer und -freunde werden das sofort erkennen und honorieren. Im Grunde ist "Rot wie das Meer" ein Pferdebuch, das sich liest wie ein außergewöhnlicher Belletristikroman. Leser, die selbst etwas von Pferden verstehen, werden sich mit dem Roman aber besonders wohl fühlen.

Dieser Einzelband kombiniert einen rauen, wunderschönen Schauplatz mit gefühlvollen Haupt- und Nebenprotagonisten und ungewöhnlich-faszinierenden Pferdewesen. Das Ende ist hier gar nicht so vorhersehbar. Das Scorpio-Rennen ist gefährlich und Opfer sind zu erwarten. Es kann durchaus sein, dass man am Schluss einen kleinen (oder größeren) Klos im Hals hat - er passt aber ausgezeichnet!

Das persönliche Fazit
Über meine Meinung zu Maggie Stiefvaters hoher Schreibkunst und die perfekte Übersetzung müssen wir hier nicht diskutieren. Ob gefühlvolle Charakterzeichnung, eindrucksvolle Umgebungsbeschreibung oder gekonnt eingesetzte Wortwiederholungen - alles so wie ich es mag! Und auch, wenn die Geschichte sehr "anders" ist, hat sie komplett (m)einen Nerv getroffen. Angefangen bei den Wasserpferden bis hin zur ausdrucksvollen Gesamtstimmung, ich hatte oft Gänsehaut. Jeder verlangt doch immer nach ungewöhnlichen und neuartigen Büchern - mit "Rot wie das Meer" wird man genau damit bedient. 5 Sterne!
Handlung: 4,5 / 5
Charaktere: 4 / 5
Lesespaß: 5 / 5
Preis/Leistung: 5 / 5

© Damaris Metzger, damarisliest.de


Mittwoch, 14. November 2012

Eine Begegnung der besonderen Art - Marie Lu im Interview (FBM 2012, deutsche Übersetzung)

© Paul Gregory
Frankfurter Buchmesse 2012 - ein Ort für Bücher, viele Menschen und Begegnungen.

Eine nette Begegnung der besonderen Art hatten Anka von Ankas Geblubber und ich, tief im Inneren des wunderschönen Messestands des Loewe Verlags. Um den Wortwitz noch mal aufzugreifen, eine LEGENDÄRE Begegnung mit der Debütautorin Marie Lu. Marie - das schreibt man nicht nur so wie unsere deutsche Version, man spricht es auch so aus (mit einem englischen "r").

Die sympathische "Legend"-Autorin stand uns Rede und Antwort, sehr lustig, sehr souverän und sehr ernsthaft. Eine tiny little Autorin ganz groß! ("Klein" ist hier natürlich nur in Bezug auf die Körpergröße zu sehen.)
 
 
Anka & Damaris
 
 
D+A: Hi Marie! Danke, dass du uns für ein Interview zur Verfügung stehst. Wir sind uns sicher, dass dich in Deutschland jeder Leser von Büchern für junge Erwachsene kennt. Würdest du dich bitte trotzdem kurz vorstellen?
 
Marie: Na klar! Mein Name ist Marie Lu und ich bin die Autorin von "Legend. Fallender Himmel", dem ersten Band einer dystopischen Trilogie für junge Erwachsene. Dies ist mein Debütroman, ich habe aber schon vorher viele Geschichten geschrieben, die aber nie veröffentlicht wurden.
 
 
D+A: Bei Facebook hast du deine Fans nach ihren Lieblingscharakteren in "Legend" gefragt. Welcher ist denn deiner? (Und bitte keine Spoiler, Marie ;-))
 
Marie: Das ist so schwierig! All meine Figuren sind wie meine Kinder, ich liebe sie alle! Aber Day liegt mir besonders am Herzen, da sein Charakter schon seit der Schulzeit in meinem Kopf herumspukt. Ich habe nach der passenden Geschichte für ihn gesucht und sie nun mit "Legend" gefunden. Da er eben schon so lang in meinen Gedanken ist und es sich schon so anfühlt, als wäre er ein alter Freund, liegt er mir sehr am Herzen.
 
Außerdem habe ich Kaede sehr gern, das Mädchen, auf das June in den Straßenkämpfen trifft. Es hat mir sehr viel Spaß gemacht, sie zu schreiben, deshalb wird sie auch im zweiten Band wieder mit dabei sein.
 
 
D+A: Wie bist du auf die Namen für Day und June gekommen? Beide sind nicht gerade gewöhnlich. Wolltest du mit der Wahl ihrer Namen etwas ausdrücken?
 
Marie: Ja, mit Day schon. Sein richtiger Name ist Daniel, aber auf der Straße nennt er sich Day. Ich dachte, das würde seine positive Lebenseinstellung und seinen Glaube daran, dass nichts unmöglich ist, zum Ausdruck bringen. Außerdem spiegelt es ein bisschen seine Philosophie wieder, der Sonne niemals den Rücken zuzukehren und jeden Tag als neue 24-Stunden-Chance zu sehen. Im Zusammenhang mit dem Buch meine ich, dass er, in einer auf Lügen basierenden Welt, stets auf der Suche nach der Wahrheit und dem richtigen Weg ist. Dies sind in etwa die Gedanken, die ich mir bei seiner Namensfindung gemacht habe.
 
Und bei June dachte ich mir immer, dass ihre Charaktereigenschaften zu den typischen Eigenschaften des Sternzeichens Zwillings zählen. So habe ich sie mit dem Monat Juni in Verbindung gebracht, wobei ihr Geburtstag ironischerweise in den Juli fällt, da ich ihr meinen Geburtstag geben wollte.
 
 
D+A: Du hast "Legend" abwechselnd aus der Sicht von Day und June geschrieben. Hattest du es von Anfang an so geplant und welcher der beiden Charaktere hat dir beim Schreiben mehr Kopfzerbrechen bereitet?
 
Marie: Ja, ich habe mich auf jeden Fall bewusst dazu entschieden, abwechselnd aus beiden Perspektiven zu schreiben. Als ich zu Highschool-Zeiten geschrieben habe, erfand ich eine Fantasy Geschichte, in der Day ebenfalls eine Rolle spielte. Diese Geschichte war in derselben Art geschrieben, spielte jedoch in einer anderen Welt und handelte von anderen Charakteren. Also habe ich Days Geschichte schon immer aus dieser Perspektive gesehen, mit zwei abwechselnden Betrachtungswinkeln. Ich fühle mich wohler, wenn ich in der ersten Person Singular (Ich-Perspektive) schreibe, da es für mich auf diese Art und Weise einfacher ist, mich in die Figuren hineinzudenken und ihre Gefühle auszudrücken. Außerdem wollte ich die gegensätzlichen Seiten der Gesellschaft darstellen. Also dachte ich, es wäre interessant, beide Figuren aus der Ich-Perspektive erzählen zu lassen.
 
June war für mich definitiv viel schwieriger zu schreiben. Sie ist kein einfacher Charakter. Dagegen hatte ich es mit Day viel leichter, weil ich es schon so lange gewöhnt war, ihn in meinem Kopf zu haben (wahrscheinlich klingt das jetzt sehr verrückt *lacht*). June ist überhaupt nicht wie ich. Sie ist wahrscheinlich der einzige Charakter in "Legend" der mit mir absolut nichts gemeinsam hat. So war es für mich manchmal schwierig, mich in sie hineinzuversetzen und in dieser logischen, politischen Form zu denken. So bin ich einfach nicht. June ist zum Beispiel sehr praktisch und athletisch – ich nicht! Wenn ein Charakter sich so sehr von mir unterscheidet muss ich manchmal innehalten und mich dann sehr anstrengen, um ein paar Sätze zu schreiben, die zu June passen. June hat viel mehr Schreibzeit benötigt.
 
 
D+A: Warum hast du dich bei deinen Protagonisten für ein so junges Alter entschieden? Day und June sind mit ihren 15 Jahren sehr jung, meinst du nicht? Trotzdem scheinen sie sehr reif zu sein.
 
Marie: Ich weiß. In den meisten Young-Adult Büchern sind die Protagonisten um die 17, 18 Jahre alt. Ich wollte Day und June ein bisschen jünger machen, um zu zeigen, dass beide Wunderkinder sind. Beide sind etwas ungewöhnlich, also habe ich sie jünger werden lassen. Außerdem bin ich der Meinung, dass Kinder in der Welt von "Legend" viel schneller erwachsen werden. Ihre Welt ist so dunkel, besonders Days, da er auf der Straße lebt. Ich denke, die Jugendlichen, mit denen er sich umgibt, sind bereits mit 12 oder 13 sehr reif. Er lebt seit Jahren auf der Straße und ist deshalb sehr schnell erwachsen geworden. Deshalb wirkt er sicherlich viel reifer, als andere Jungs mit 15 Jahren.
 
Und June, …, nun, weil ihre Denkweise für eine 15-jährige schon sehr außergewöhnlich ist, verhält sie sich auch nicht ganz wie eine typische Protagonistin in diesem Alter. Außerdem kommt noch hinzu, dass sie keine Eltern mehr hat. Sie ist nur mit ihrem Bruder als Beschützer aufgewachsen, und das hat ihr Verhalten sicherlich auch sehr beeinflusst.
 
 
D+A: In vielen Szenen deines Buches können wir Menschen dabei beobachten, wie sie zu gefühls- und emotionslosen Bestien mutieren. Sie führen Befehle aus, ohne an deren Bedeutung oder Konsequenzen zu denken. Siehst du Ähnlichkeiten zur heutigen Weltsituation? Und wie war es für dich, diese Szenen über Mord und Folter zu schreiben?
 
Marie: Es kann schon ein bisschen beunruhigend sein, solche Szenen zu schreiben und die Denkweise eines Soldaten anzunehmen, der wirklich, wirklich daran glaubt, dass Gehorsam das einzige Ziel dessen ist, was er tut. Ich habe mich ein bisschen von meiner Kindheit in China inspirieren lassen. Im Jahre 1989, als ich gerade fünf Jahre alt war, lebte ich in Beijing nur ein paar Straßen vom Tian’anmen Square entfernt (weitere Infos zum Tian'anmen Massaker 1989 HIER). Ich erinnere mich, dass wir am selben Tag, als die Schießereien stattfanden, noch draußen auf dem Platz waren. Für mich war es faszinierend, diese geschichtlichen Ereignisse mit meinen Gedanken zu "Legend" in Verbindung zu bringen. Ich habe versucht, mich in solch einen Soldaten hineinzuversetzen und mir dann vorgestellt, was er wohl dabei denken und fühlen würde, wenn ihm die Regierung aufträgt, das Feuer auf unbewaffnete Menschen zu eröffnen. Wie würde er reagieren? Im Grunde dachte ich mir, man muss nur seinen menschlichen Verstand ausschalten und zu einer Maschine werden. So habe ich es getan, als ich über einige Charaktere in meinem Buch geschrieben habe.
Eine weitere Inspirationsquelle war für mich das Nordkorea-Regime, über das ich mich während meinen Recherchearbeiten informiert habe.
 
 
D+A: In der Geschichte von "Legend" spielt Gewalt eine offensichtliche Rolle. Dies ist immer ein wichtiger Punkt in der Diskussion über ein Buch im Young Adult Bereich, insbesondere nach Büchern wie "Die Tribute von Panem", "Die Bestimmung", oder auch "Ashes: Brennendes Herz" und dessen Fortsetzung "Ashes: Tödliche Schatten". Wie stehst du zu diesem Thema? Dürfen wir von Lesern dieses Genres erwarten, dass sie mit den Beschreibungen von Gewaltszenen in Büchern umgehen können?
 
Marie: Wenn die Gewalt nicht verherrlicht, sondern als wichtiger Punkt in der Story angesehen wird, dann ja. Ich bin der Meinung, dass junge Leser in der Lage sind und in der Lage sein sollten, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen, wenn Gewalt das wahre Gesicht eines Menschen zum Vorschein bringt und wichtig zum Verständnis des steinigen Weges der Protagonisten ist. Außerdem leben schließlich eine ganze Menge Jugendliche in einer dunklen Welt. Ich bin mir sicher, dass einige von ihnen bereits ihre eigenen Erfahrungen mit dem Thema Gewalt machen mussten. Ich denke nicht, dass es wirklich hilfreich ist, vieles zu beschönigen.
Trotzdem bin ich der Meinung, dass verherrlichte Gewalt oder Gewalt als Mittel zur Unterhaltung in Büchern falsch ist. Genau das hat mir bei den "Tributen von Panem" so gut gefallen. Suzanne Collins hat Gewalt in ihren Büchern eingesetzt, um ein Zeichen zu setzen. Um zu zeigen, dass Gewalt als Unterhaltung sehr verdorben sein kann. Junge Leser werden damit umgehen können, wenn es einen Grund für die dargestellte Gewalt gibt.
 
 
D+A: Wenn du die Möglichkeit hättest, einen deiner Charaktere im richtigen Leben zu treffen, für wen würdest du dich entscheiden und was würdet ihr zusammen unternehmen?
 
Marie: Ich würde ..., hm, also, die Charaktere, die ich gern treffen würde, würden mich sicherlich nicht sehen wollen, da sie bestimmt sauer auf mich sind, weil ich ihnen so viel angetan habe *lacht*. Aber ..., ich würde gerne Day treffen. Er war schon so lange in meinem Kopf, ich würde mich gerne mit ihm zusammensetzen, ihm Fragen stellen und einfach sehen, wie er denkt. Aber wenn es darum geht einen schönen Tag miteinander zu verbringen, dann würde ich mich für Tess entscheiden. Sie scheint ein süßes, nettes Mädchen zu sein. Ich würde gern auf sie aufpassen, mich um sie kümmern, ihr Spielzeug schenken, …
 
 
D+A: Die deutsche Übersetzung von "Legend. Fallender Himmel" ist perfekt! Wir sind der Meinung, dass die Übersetzerinnen S. Knuffinke und J. Komina zu den Besten in Deutschland zählen. Machst du dir manchmal Gedanken über die Übersetzungen deines Buches und die Frage, ob die Übersetzung eventuell das Gefühl, das du übermitteln möchtest, abschwächt und nicht so wiedergeben kann, wie du es in deiner Sprache getan hast?
 
Marie: Darüber habe ich mir bisher noch gar keine Gedanken gemacht. Ich habe immer großes Vertrauen in die Übersetzer und mir ist zu Ohren gekommen, dass die Übersetzung von "Legend" unglaublich gut geworden ist. Ich bin sehr froh, das zu hören. Ich selbst habe auch schon einige Bücher gelesen, die von der Originalsprache ins Englische übersetzt wurden und ich fand sie immer recht gut. Deshalb mache ich mir keine Sorgen, meine Verleger sind wunderbar und ich habe tolle Rückmeldungen von meinen Lesern in Europa bekommen. Ein kleines bisschen Angst ist immer da, vermute ich. Angst davor, dass kleine Aussagen vielleicht nicht ganz so rübergebracht werden, wie ich es mir vorgestellt hatte, aber ich vertraue meinen Verlegern sehr und bin überzeugt davon, dass sie alle einen guten Job machen!
 
 
D+A: Bist du selbstkritisch? Hast du dir schon mal gewünscht, im Nachhinein noch dieses oder jedes an deinem bereits veröffentlichten Buch ändern zu können?
 
Marie: Ja! Ich bin ständig am Überarbeiten, und mein Lektor in Amerika muss mir fast schon das Buch aus dem Kopf reißen, weil ich immer noch einen kleinen Satz ändern oder ein besseres Wort einfügen möchte. Mein Lektor sagt dann immer "Nein! Wir Müssen jetzt fertig sein!" Also, ja! Ich meine, ich habe "Legend" nach der Veröffentlichung noch mal gelesen und es gibt definitiv Absätze, die ich gern ändern würde. Am liebsten würde ich meine Texte ständig überarbeiten und meistens muss ich mich dann dazu zwingen, aufzuhören.
 
 
D+A: Der zweite Band der Legend-Trilogie "Prodigy" erscheint in den USA im Januar oder Februar 2013, oder? Hast du bereits begonnen, den dritten Teil zu schreiben? Und gibt es schon einen Namen für das Trilogiefinale? (Du musst ihn uns nicht verraten, wenn er noch streng geheim ist.)
 
Marie: "Prodigy" erscheint am 24. Januar 2013. Meine Verleger haben einige Titelvorschläge für Band 3 gesammelt, aber eine definitive Entscheidung wurde noch nicht getroffen. Ich bin mit dem ersten Entwurf des dritten Bandes fertig, und wir sind nun in der ersten Phase der Überarbeitung. Also befindet sich das Skript bisher noch in einem recht groben Zustand. Hoffentlich wird es niemand zu sehen bekommen!
 
 
D+A: Weißt du schon, wie es nach "Legend" bei dir weiter geht? Schmiedest du schon neue Pläne, oder hält dich die Legend-Welt noch ein Stück weit gefangen?
 
Marie: Ich habe ich begonnen, an ein paar neuen Ideen zu basteln, nachdem ich mit "Legend" fertig sein werde. Wann immer ich also ein bisschen Abstand von Legend Band 3 brauchte, habe ich angefangen, an etwas anderem zu arbeiten. Ich glaube, ich kehre zurück zur Fantasy, da ich das Genre seit meiner Kindheit liebe. Also wird meine nächste Geschichte wohl in einer High-Fantasy Welt spielen.
 
 
Leserfragen
 
 
Nanni: In der Autorenbeschreibung vom Loewe Verlag habe ich gelesen, dass du gerne fröhliche Menschen magst. Wie kommt es dann dazu, dass du so etwas Düsteres wie eine Dystopie geschrieben hast? Und kannst du dir nach Abschluss der Legend Bücher vorstellen in ein ganz anderes Genre (z.B. Chick-Lit, das ist ja eher fröhlich) zu wechseln?
 
Marie: Das stimmt. Ich mag fröhliche Menschen sehr. Wenn es aber ums Schreiben geht, habe ich schon immer die düsteren Geschichten und Charaktere bevorzugt, keine Ahnung warum. Für mich ist es einfach sehr interessant, über Konflikte und Probleme zu schreiben. Außerdem lese ich selbst sehr viele Dystopien. Es ist nicht so, dass ich diese düstere Stimmung wirklich mag, aber mich fasziniert es, düstere Orte zu erkunden. Speziell auf "Legend" bezogen war es besonders interessant, denn viele Elemente stammen aus der Realität. So haben mich meine Vergangenheit in China und das Regime in Nordkorea beim Schreiben sehr beeinflusst. Es kommt drauf an, wo auf der Welt du lebst. Etwas, das für uns seltsam und abgedreht erscheint, kann für andere Menschen zum Alltag gehören.
 
 
Emma: Hast du schon mal von deinen eigenen Figuren geträumt?
 
Marie: Das ist lustig. Ich glaube, ich habe bisher noch nicht von meinen Figuren geträumt, obwohl ich das manchmal gern würde. Viele Autoren entwickeln aus ihren Träumen großartige Ideen. Also habe ich mich angestrengt und wirklich versucht, von meinen Figuren zu träumen, aber es hat leider nie geklappt. Das ist eigentlich ziemlich merkwürdig.
 
 
Diana: Wenn du in solch einer veränderten Welt wie in "Legend" leben würdest, wie wäre das wohl für dich? Wärst du eher die Kämpferin oder würdest du dich unterdrücken lassen?
 
Marie: Obwohl ich mich überhaupt nicht mit June identifizieren kann und wir komplett verschieden sind, muss ich sagen, dass es wohl leichter und bequemer wäre, auf der Seite der Republik zu stehen, sonst müsste ich ja auf der Straße leben. Ich vermute, dass ich es vorziehen würde, in Junes Welt zu leben, jedoch als Spionin der Rebellen, vielleicht so ähnlich wie Junes Bruder. Wobei, … er musste sterben … Nicht wirklich die beste Möglichkeit, aber dennoch besser, als auf der Straße zu leben.
 
 
Reni: Was denkst du über die Buchverfilmung zu "Legend"? Hast du dabei überhaupt ein kleines Wörtchen mitzureden? Und wie fühlt es sich an, zu wissen, dass die eigens erschaffene Welt + Charaktere bald auf der großen Kinoleinwand zu sehen sind? Ist das nur ein pures Glücksgefühl oder gibt es da auch kleine Zweifel?
 
Marie: Es ist sehr spannend! Natürlich ist die Vorstellung, dass andere Leute die Geschichte aus meinem Kopf nehmen und ein öffentliches Format daraus machen, ein bisschen nervenaufreibend. Für mich ist es eine große Ehre und unglaublich aufregend. Vor kurzem ist das Drehbuch für den Film fertig geworden. Ich hatte die Chance, es mir kurz anzuschauen und ich finde es richtig gut. Ich wurde ständig auf dem Laufenden gehalten und nach Details aus der Legend-Welt gefragt, sodass meine Figuren möglichst authentisch rüberkommen.
 
 
Robert: Würdest du für die Verfilmung von "Legend" eine unabhängigere oder eine "Big-Budget"-Produktion bevorzugen?
 
Marie: Ich denke, dass ich die Möglichkeit bevorzugen würde, die am besten zu dem Film passt. Was auch immer die Filmemacher für richtig halten, es wird das Beste für den finalen Film sein.
 
 
Josi: Wenn du die Schauspieler für deine Hauptcharaktere Day & June wählen könntest, wen würdest du dann gerne in diesen Rollen sehen? Hast du darüber schon nachgedacht?
 
Marie: Ich habe eine Weile darüber nachgedacht und es ist ziemlich schwierig für mich die passende Besetzung für Day zu finden, da er halb asiatisch, halb russisch ist, ein ungewöhnlicher Mix für die meisten Schauspieler. Wenn ich jemanden auswählen müsste, würde ich mich für den jungen Leonardo DiCaprio (in seiner Romeo und Julia-Zeit) entscheiden. Jetzt ist er natürlich zu alt, um Day zu spielen. Damals hatte er aber diesen östlich-europäischen Look.
Und für June schwebt mir jemand wie Hailee Steinfeld vor. Vielleicht nicht direkt sie, aber ihr Aussehen kommt Junes sehr nahe.
 
 
Kerstin: Wo und wann würdest du am liebsten schreiben? Stell dir vor, du hast eine Zeitmaschine und kannst dort anhalten, wo du willst.
 
Marie: Ich liebe es, morgens zu schreiben. Ich bin ein absoluter Morgenmensch, deshalb versuche ich, mein gesamtes Schreibpensum vor 13:00 Uhr zu erledigen. Ich liebe es zu schreiben, wenn es draußen regnet. Also würde ich am liebsten in einem total gemütlichen Café oder einem Balkon sitzen und schreiben, irgendwo, wo es leicht regnet. Ja, das wäre die perfekte Schreibatmosphäre für mich.
 
 
Beende die folgenden Sätze
 
 
"Legend" ist ein Science-Fiction Thriller mit Wunderkindern.
 
 
Das Schöne an meinem Job als Autor ist … zuhause im Schlafanzug zu schreiben.
 
 
Mein perfekter Tag beginnt mit Süßigkeiten … geht weiter mit etwas Leckerem zum Mittagessen … und endet mit Schokolade.
 
 
Ich wusste, dass ich Autorin werden wollte, als ich noch in der Schule war und einen Zeitungsartikel über ein15-jähriges Mädchen gelesen habe, das ein Buch veröffentlich hat. Da wusste ich es!
 
 
Ein besonderes Erlebnis in meinem Leben als Autorin all meine Leser kennen zu lernen! Es ist immer wieder überwältigend, meine Leser in Person vor mir zu sehen. In solchen Momenten überkommt es mich dann immer wieder. Diese Menschen haben MEIN Buch gelesen! Das ist so aufregend!
 
 
Mein nächstes Projekt ist eine High-Fantasy Geschichte, die in das Italien der Renaissance zurückkehrt, bzw. dort spielt.
 
 
Meine Buchempfehlung "Code Name Verity" von Elisabeth Wein, ist super! Das ist das Buch, das ich zuletzt gelesen habe. Es ist absolut genial!
 
 
 
Damaris - Marie Lu - Anka, © Anka
 
 
Ankas deutsche Interview-Veröffentlichung könnt ihr HIER finden. Alle, die das Interview gerne im Original, auf Englisch, lesen möchten können hier unsere erste Veröffentlichung anschauen.
 
 
Marie Lu
Marie Lu wurde 1984 in Shanghai geboren und lebte für einige Zeit in Texas, bevor sie an der University of South California studierte. Das kalifornische Wetter hat sie überzeugt dortzubleiben und nun wohnt Marie Lu mit ihrem Freund und drei Hunden in Pasadena, einem Vorort von Los Angeles. Vor ihrem Erfolg als Autorin arbeitete sie als künstlerische Leiterin bei einem Unternehmen, das Videospiele produziert. Marie Lu mag Cupcakes, fröhliche Menschen, Kampfjets, Regen und natürlich Bücher.
 
Hier geht es zur englischsprachigen Website von Marie Lu, und meine Rezension zu Marie Lus Debüt "Legend: Fallender Himmel" gibt es HIER.
 
 
 
 
© Kurzbiografie, Cover und Autorenfoto - Loewe Verlag
 

Dienstag, 13. November 2012

High Five - 5 Sätze/5 Adjektive zu "Dylan & Gray" von Katie Kacvinsky



Bastei Lübbe/Boje (September 2012),
Hardcover, 240 Seiten,
12,99 € [D]


Gray ist ein cooler Typ. Er läuft nur mit seinem iPod auf den Ohren rum und interessiert sich nicht sonderlich für das, was um ihn herum passiert. Dylan ist das pure Gegenteil: Sie sprüht vor Energie, steckt voller Ideen und vor allem will sie aus jedem Tag etwas Besonderes machen. Die beiden könnten nicht unterschiedlicher sein – und doch bemerken sie einander, lernen sich kennen, freunden sich an und verlieben sich schließlich ineinander. In Dylans klapprigem Auto erkunden sie die Wüste in der Sommerhitze, sie schreiben eine Ode auf einen Kaktus und adoptieren einen zotteligen Hund.
Doch irgendwann ist der Sommer zu Ende. Gray winkt ein Sportstipendium an einem weit entfernten College. Und auch Dylan hat Pläne: Sie will die Welt sehen und weiter jeden Tag wie ein Wunder erleben. Die beiden erleben, wie leicht es ist, sich zu verlieben – und wie viel schwerer es sein kann, sich zu verzeihen und wiederzufinden, wenn man sich einmal verloren hat.
 (Text- und Bildquelle, sowie Zitatrechte: Bastei Lübbe)


Das Leben ist zu kurz, um es mit Leuten zu verschwenden, die dich runterziehen, anstatt dich zu beflügeln. Solche Typen stehlen dir nur die Energie. S. 59


5 zusammenfassende Sätze/Punkte zum Buch

  1. Ich kann mich nicht genau erinnern was mich an diesem Buch so angesprochen hat. Wahrscheinlich war es die Vorstellung einer Bücherfreundin auf ihrem Blog. "Dylan & Gray" wurde gekauft, und ich erwartete eine lockere Jugendlovestory. Bekommen habe ich ein tiefsinniges, lustiges und berührendes Jugendbuch. Eine unbedingte Leseempfehlung!
  2. Gray (männl.) und Dylan (weibl.) sind sehr unterschiedliche Charaktere. Während Gray sehr sich sehr zurückhaltend verhält, ist  Dylan das pure Energiebündel. In Gray sitzt ein tiefer Schmerz, weshalb er niemanden an sich heranlassen will. Dylan schafft es, durch ihre ungewöhnliche Art, bis zu Gray durchzudringen und schließlich auch sein Herz zu erobern. Gray mochte ich sofort, Dylan ist etwas schwieriger und anstrengender, einfach crazy. Ihre Sichtweise ist schon sehr extrem, aber gerade das macht sie auch wieder so liebenswürdig.
  3. Weil die Geschichte von den beiden Hauptcharakteren im Wechsel erzählt wird, werden diese dem Leser sehr nahe gebracht. Katie Kacvinsky schreibt toll! Sie verleiht dem Buch einen ernst-lustigen Touch mit Tiefsinn, lässt bei ihren Charakteren aber auch "normale" Teenagergedanken zu. Gray und Dylan finden sich auch körperlich anziehend, und so ist Sex ein großes Thema im Buch. Hier wieder sehr natürlich und humorvoll.
  4. Hinter der ganzen Handlung könnte man eine typische Lovestory erwarten, doch "Dylan & Gray" ist anders. Das ganze Buch ist voller verrückter und lustiger Aktionen, bei denen man lachen muss, aber auch durchzogen mit tiefsinnigen Gesprächen und Erkenntnissen voller Lebensweisheiten (mein Post-it Block war nach Beendigung des Buches leer!).
  5. Das Ende ist für Leser von Lovestorys wenig überraschend, aber ich habe es mir so gewünscht. Und weil in der Geschichte Musik eine große Rolle spielt, listet die Autorin am Schluss eine Art Playlist für jeden ihrer Hauptcharaktere auf. Hach, einfach wunderbar!

5 Adjektive, die mir spontan zum Buch einfallen

verrückt, liebevoll, tiefsinnig, ehrlich und zum-nochmal-lesen

Zusammengefasst vom Fazitbär:
"Dylan und Gray" ist eine lustig-verrückte Lovestory mit unerwartetem Tiefgang und greifbaren Lebensweisheiten. Die Handlung ist total unkitschig und wirkt an vielen Stellen so natürlich und echt, dass man von den Charakteren fasziniert ist. Für mich ist dieses kleine, dünne Buch ganz groß.
Lesen!

Wenn man Menschen kennt, die einen berühren, glücklich machen, zu Höhenflügen inspirieren, dann ist jeder Moment mit ihnen heilig, weil man nie wissen kann, wie viel gemeinsame Zeit man noch hat. S. 170
... noch mehr Zitate aus dem Buch gibt es HIER.


© by Damaris liest.

Zitate zu "Dylan & Gray" von Katie Kacvinsky

Manchmal sind kleine Siege mehr wert als jedes Großereignis, das die Welt bewegt. - S. 32
Um einen bleibenden Eindruck zu hinterlassen, muss man sich ab und zu trauen, aus dem Rahmen zu fallen. - S. 34
Menschen haben das verzweifelte Bedürfnis, akzeptiert zu werden, und aus einem Herdentrieb heraus verwandeln sie sich freiwillig in Klischees. - S. 51
Die meisten Leute brauchen ständig Ablenkung, damit sie keine Zeit haben, über ihr Leben nachzudenken. Sonst würden sie vermutlich implodieren, weil ihre eigene Leere sie einsaugt und umkrempelt wie ein schwarzes Loch. - S. 53
[...] Leid ist wie Wasser. Es findet immer einen Weg durch jede kleinste Ritze. Man kann es nicht aufhalten. Manchmal muss man sich erst bis auf den Grund sinken lassen, bevor man lernt, zurück an die Oberfläche zu schwimmen. - S. 88
Jemanden in seinen Glücksmomenten zu lieben ist einfach. Ihn auch an seinen schlechten Tagen zu lieben, ist viel wichtiger. - S. 136
Wenn man der Versuchung nachgibt, die Vergangenheit wiederzubeleben, muss man immer befürchten, dass sie sich in die Zukunft einmischt. - S. 219

© Zitatrechte Bastei Lübbe

Freitag, 9. November 2012

Rezension zu "Lost Girl: Im Schatten der Anderen" von Sangu Mandanna



Verlag: Ravensburger (Juli 2012)
Originaltitel: The Lost Girl
Übersetzer: Wolfram Ströle
Reihe: - , ab ca. 14-17 J.
Ausführung: Hardcover/SU, 448 S.
ISBN: 978-3473400805
16,99 € [D]

Genre: Science Fiction

© Cover- und Zitatrechte: Ravensburger Buchverlag


Das Thema
Die in London ansässige Meisterei erschafft Echos. Jeder kann für eine geliebte Person, zum Beispiel die eigenen Kinder, ein Echo machen lassen. Stößt dem Kind dann etwas zu, wird es durch das Echo ersetzt. Echos sind normale Menschen, die alleine dazu dienen ihre Gegenüber, die Anderen, zu studieren, damit sie sich genau so verhalten, sprechen, essen und leben, um bei Bedarf die Anderen genau kopieren zu können.
Eva ist ein solches Echo, ihre Andere lebt in Indien, und Eva wird von verschiedenen Vormunden in England betreut. Sie wird täglich auf den eventuellen Einsatz, ihre Andere zu ersetzten, vorbereitet. Und dieser Fall tritt schneller ein, als ihr lieb ist.

Die Rezension

Der Anfang: Ich weiß noch, wie ich mit Mina Ma in der Stadt war.

Durch eine Kopie ersetzt zu werden gehört für die meisten Menschen zu den unmöglichsten Vorstellungen. Auch für die 16-jähre Amarra aus Indien ist diese Vorstellung absurd, sie hasst ihr Echo. Ihrer Eltern lieben sie so sehr, dass sie ihr in England ein Echo beschafft haben, das dort Amarras Leben kopiert, bis es eventuell Amarra tatsächlich ersetzten muss.
Auch das Echo Eva (so nennt sie sich, denn eigentlich müsste sie den Namen ihrer Anderen, also Amarra, tragen) ist mit ihrer Bestimmung unglücklich. Viel lieber würde sie ein ganz normales Mädchen sein und ihr eigenes Leben leben. Diese Gedanken darf sie als Echo niemals haben, sie muss ihrer Bestimmung unbedingt folge leisten und die Gesetze der Meisterei befolgen, sonst wird sie von ihrem Erschaffer getötet.

"Echos existieren nicht zu ihrem Vergnügen. Sie sind dazu bestimmt, jemand anderes zu sein. Als eigenständige Persönlichkeiten interessieren sie mich nicht. [...]" - Adrian Borden, Meister, S. 88

Das Echo Eva erzählt die ganze Geschichte aus ihrer Sicht, in der Ich-Form, Präsens. Die verwendete Sprache kann man als ruhig und besonders gefühlvoll bezeichnen. Schon nach den ersten Kapiteln hat man ein gutes Bild von Evas Leben als Echo und ihrer schrecklichen Bestimmung. Es gibt Momente, die sind sehr gruselig, vor allem dann, wenn einem klar wird, bis zu welchem Detail sie ihre Andere kopieren muss (zum Beispiel Tattoos, die sie gar nicht will). Das Buch enthält, wie viele andere Jugendbücher, auch körperliche Gewalt. Allerdings nicht in solch hohem Maße wie man es schon oft gelesen hat. Hier ist die Gewalt auch viel psychischer Natur, indem eine Macht über Eva ausgeübt wird, die sie nicht will, aber der sie sich nicht entziehen kann. Das schafft des Öfteren Gänsehaut beim Lesen.
Sehr erfrischend ist auch die Tatsache, dass man zu keinem Zeitpunkt richtig weiß wie die Echos genau geschaffen werden, obwohl es normale Menschen sind. Man weiß nur, dass es Meister gibt, die sie schaffen/herstellen und auch wieder demontieren/töten können. Eva vergleicht es einmal mit dem Zusammensetzen einer Marionette. Das sorgt für ein ganz besonderes Feeling und der Leser darf sich hier fast komplett seine eigenen Vorstellungen machen.

Die Geschichte liest sich großartig und macht, sofern man bei dieser absonderlichen Thematik davon sprechen darf, richtig viel Spaß. Es gibt keine Leselänge, sobald man gerade in einer Situation gefangen ist, ändert sich diese schon wieder und für den Leser und Eva ergibt sich etwas Neues.
Eva ist eine der Protagonistinnen, der man ihrer Gefühle und Situation sofort abnimmt. Mit ihr leidet und freut man sich gleichermaßen. Die aufkommende Lovestory zu ihrem jungen Vormund Sean ist sehr zart und sehr herzerwärmend-liebenswürdig und hat etwas fast schon verzweifeltes an sich. Sean ist klasse! Nebenbei geht man auch nicht unbedingt von einer Lovestory zwischen Eva und Sean aus. Das Thema "Gesehen und auf den ersten Blick verliebt" fällt hier komplett weg. Das macht diesen Part auch so besonders.

Es gibt einige rasante Stellen die auf manche Leser etwas konstruiert wirken könnten. So naht fast immer die erwartete Rettung aus heiklen Situationen. Wird zum Beispiel ein Messer benötigt, dann taucht schon jemand auf, der eines mitbringt. Körperliche Gewalt erscheint manchmal etwas gegenstandslos oder unpersönlich. Im Grunde ist das aber Haarspalterei und sollte nur sehr pingelige Leser stören.

"Im Schatten der Anderen" könnte in der heutigen Zeit spielen, von einer Unterdrückung der Menschheit oder einem diktatorischen Regime ist hier nicht die Rede. Das einzig besondere Element sind die Echos und die Meisterei in London, die sie erschafft. Auch spielt der Roman teils in England und in Indien, der ursprünglichen Heimat der Autorin. Hier grenzt sich die Geschichte von gängigen Jugendbücher ab und wird tatsächlich zu einem frisch-neuen Leseerlebnis.
Aller Voraussicht nach, ist "Lost Girl: Im Schatten der Anderen" ein Einzelband. Mit dem Ende findet Sangu Mandanna einen guten Mittelweg zwischen einem Happy-End, das nicht total happy ist, und einer möglichen Fortsetzung der Geschichte. Jeden Geschmack wird das Ende nicht treffen, es ist nicht alltäglich und bietet viel Raum für eigene Spekulationen. Gerade darum ist es schön!

Das persönliche Fazit
"Lost Girl: Im Schatten der Anderen" muss gegenüber anderen Sci-Fi-Jugendromanen gewiss nicht auf verlorenem Posten kämpfen oder sich in deren Schatten verstecken. Es ist ein wunderbar geschriebener Gänsehaut-Roman, bei dem mir klitzekleine Auffälligkeiten total egal waren. Die Geschichte selbst stimmt sehr nachdenklich, aber auch hoffnungsvoll. Zudem ergänzt hier die zart-schöne Lovestory die Handlung wunderbar und drängt sich nicht in den Vordergrund. Nach einiger Überlegung kann ich auch mit dem Ende bestens leben. Mehr braucht es nicht zu einem guten Buch! 5 Sterne.

Handlung: 4 / 5
Charaktere: 4 / 5
Lesespaß: 5 / 5
Preis/Leistung: 5 / 5

© Damaris Metzger, damarisliest.de