Freitag, 9. November 2012

Rezension zu "Lost Girl: Im Schatten der Anderen" von Sangu Mandanna



Verlag: Ravensburger (Juli 2012)
Originaltitel: The Lost Girl
Übersetzer: Wolfram Ströle
Reihe: - , ab ca. 14-17 J.
Ausführung: Hardcover/SU, 448 S.
ISBN: 978-3473400805
16,99 € [D]

Genre: Science Fiction

© Cover- und Zitatrechte: Ravensburger Buchverlag


Das Thema
Die in London ansässige Meisterei erschafft Echos. Jeder kann für eine geliebte Person, zum Beispiel die eigenen Kinder, ein Echo machen lassen. Stößt dem Kind dann etwas zu, wird es durch das Echo ersetzt. Echos sind normale Menschen, die alleine dazu dienen ihre Gegenüber, die Anderen, zu studieren, damit sie sich genau so verhalten, sprechen, essen und leben, um bei Bedarf die Anderen genau kopieren zu können.
Eva ist ein solches Echo, ihre Andere lebt in Indien, und Eva wird von verschiedenen Vormunden in England betreut. Sie wird täglich auf den eventuellen Einsatz, ihre Andere zu ersetzten, vorbereitet. Und dieser Fall tritt schneller ein, als ihr lieb ist.

Die Rezension

Der Anfang: Ich weiß noch, wie ich mit Mina Ma in der Stadt war.

Durch eine Kopie ersetzt zu werden gehört für die meisten Menschen zu den unmöglichsten Vorstellungen. Auch für die 16-jähre Amarra aus Indien ist diese Vorstellung absurd, sie hasst ihr Echo. Ihrer Eltern lieben sie so sehr, dass sie ihr in England ein Echo beschafft haben, das dort Amarras Leben kopiert, bis es eventuell Amarra tatsächlich ersetzten muss.
Auch das Echo Eva (so nennt sie sich, denn eigentlich müsste sie den Namen ihrer Anderen, also Amarra, tragen) ist mit ihrer Bestimmung unglücklich. Viel lieber würde sie ein ganz normales Mädchen sein und ihr eigenes Leben leben. Diese Gedanken darf sie als Echo niemals haben, sie muss ihrer Bestimmung unbedingt folge leisten und die Gesetze der Meisterei befolgen, sonst wird sie von ihrem Erschaffer getötet.

"Echos existieren nicht zu ihrem Vergnügen. Sie sind dazu bestimmt, jemand anderes zu sein. Als eigenständige Persönlichkeiten interessieren sie mich nicht. [...]" - Adrian Borden, Meister, S. 88

Das Echo Eva erzählt die ganze Geschichte aus ihrer Sicht, in der Ich-Form, Präsens. Die verwendete Sprache kann man als ruhig und besonders gefühlvoll bezeichnen. Schon nach den ersten Kapiteln hat man ein gutes Bild von Evas Leben als Echo und ihrer schrecklichen Bestimmung. Es gibt Momente, die sind sehr gruselig, vor allem dann, wenn einem klar wird, bis zu welchem Detail sie ihre Andere kopieren muss (zum Beispiel Tattoos, die sie gar nicht will). Das Buch enthält, wie viele andere Jugendbücher, auch körperliche Gewalt. Allerdings nicht in solch hohem Maße wie man es schon oft gelesen hat. Hier ist die Gewalt auch viel psychischer Natur, indem eine Macht über Eva ausgeübt wird, die sie nicht will, aber der sie sich nicht entziehen kann. Das schafft des Öfteren Gänsehaut beim Lesen.
Sehr erfrischend ist auch die Tatsache, dass man zu keinem Zeitpunkt richtig weiß wie die Echos genau geschaffen werden, obwohl es normale Menschen sind. Man weiß nur, dass es Meister gibt, die sie schaffen/herstellen und auch wieder demontieren/töten können. Eva vergleicht es einmal mit dem Zusammensetzen einer Marionette. Das sorgt für ein ganz besonderes Feeling und der Leser darf sich hier fast komplett seine eigenen Vorstellungen machen.

Die Geschichte liest sich großartig und macht, sofern man bei dieser absonderlichen Thematik davon sprechen darf, richtig viel Spaß. Es gibt keine Leselänge, sobald man gerade in einer Situation gefangen ist, ändert sich diese schon wieder und für den Leser und Eva ergibt sich etwas Neues.
Eva ist eine der Protagonistinnen, der man ihrer Gefühle und Situation sofort abnimmt. Mit ihr leidet und freut man sich gleichermaßen. Die aufkommende Lovestory zu ihrem jungen Vormund Sean ist sehr zart und sehr herzerwärmend-liebenswürdig und hat etwas fast schon verzweifeltes an sich. Sean ist klasse! Nebenbei geht man auch nicht unbedingt von einer Lovestory zwischen Eva und Sean aus. Das Thema "Gesehen und auf den ersten Blick verliebt" fällt hier komplett weg. Das macht diesen Part auch so besonders.

Es gibt einige rasante Stellen die auf manche Leser etwas konstruiert wirken könnten. So naht fast immer die erwartete Rettung aus heiklen Situationen. Wird zum Beispiel ein Messer benötigt, dann taucht schon jemand auf, der eines mitbringt. Körperliche Gewalt erscheint manchmal etwas gegenstandslos oder unpersönlich. Im Grunde ist das aber Haarspalterei und sollte nur sehr pingelige Leser stören.

"Im Schatten der Anderen" könnte in der heutigen Zeit spielen, von einer Unterdrückung der Menschheit oder einem diktatorischen Regime ist hier nicht die Rede. Das einzig besondere Element sind die Echos und die Meisterei in London, die sie erschafft. Auch spielt der Roman teils in England und in Indien, der ursprünglichen Heimat der Autorin. Hier grenzt sich die Geschichte von gängigen Jugendbücher ab und wird tatsächlich zu einem frisch-neuen Leseerlebnis.
Aller Voraussicht nach, ist "Lost Girl: Im Schatten der Anderen" ein Einzelband. Mit dem Ende findet Sangu Mandanna einen guten Mittelweg zwischen einem Happy-End, das nicht total happy ist, und einer möglichen Fortsetzung der Geschichte. Jeden Geschmack wird das Ende nicht treffen, es ist nicht alltäglich und bietet viel Raum für eigene Spekulationen. Gerade darum ist es schön!

Das persönliche Fazit
"Lost Girl: Im Schatten der Anderen" muss gegenüber anderen Sci-Fi-Jugendromanen gewiss nicht auf verlorenem Posten kämpfen oder sich in deren Schatten verstecken. Es ist ein wunderbar geschriebener Gänsehaut-Roman, bei dem mir klitzekleine Auffälligkeiten total egal waren. Die Geschichte selbst stimmt sehr nachdenklich, aber auch hoffnungsvoll. Zudem ergänzt hier die zart-schöne Lovestory die Handlung wunderbar und drängt sich nicht in den Vordergrund. Nach einiger Überlegung kann ich auch mit dem Ende bestens leben. Mehr braucht es nicht zu einem guten Buch! 5 Sterne.

Handlung: 4 / 5
Charaktere: 4 / 5
Lesespaß: 5 / 5
Preis/Leistung: 5 / 5

© Damaris Metzger, damarisliest.de

Kommentare:

  1. das klingt ja ideal für mich :) Ab auf die Wunschliste damit!

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  2. Das klingt wirklich gut und nach etwas Neuem durch die Idee mit den Echos. Obwohl ich mir noch nicht sicher war, ob ich "Lost Girl" nun wirklich lesen möchte, hast du mich jetzt größtenteils überzeugt - vielleicht wandert es in nächster Zeit also doch in mein Regal :-)
    Noch eine andere Sache: du hattest doch mal "Wenn du stirbst, zieht dein ganzes Leben an dir vorbei, sagen sie" gelesen oder? Es ist natürlich überhaupt nicht mit "Delirium" zu vergleichen, aber weißt du noch, ob sich der Schreibstil ungefähr vergleichen lässt? Nachdem ich nämlich "Pandemonium" beendet habe, möchte ich unbedingt mehr von Lauren Oliver! :-D

    LG und ein schönes Wochenende, Sophia

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  3. @Julia, Lost Girl ist ein tolles Buch. Du kannt nicht viel falsch machen. Der Platz auf der WuLi ist vollkommen gerechtfertigt! :-)

    @Sophia, Ich denke deinen Geschmack wird Lost Girl vollkommen treffen. Stell dir vor, ich habe es sogar in Gedanken ein bisschen mit Delirium verglichen. Die Story ist natürlich anders, hat aber auch diese ruhige, eindringliche Art u. Eva macht sich wie Lena viele Gedanken. Lies es :-)
    Wenn du stirbst.... war glaub ich L. Olivers erste Veröffentlichung. Natürlich ist es eine ganz andere Story als die Amor-Bücher, aber der Stil und Schreibstil ist tatsächlich unverwechselbar Lauren Oliver. Du wirst es mögen, auch wenn die Hauptprota nicht ganz einfach ist. Schade, ich hab meines vertauscht, sonst hättest du es haben können ;-)

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  4. Ich habe es ja auch zum Geburtstag bekommen und freue mich schon so darauf!!!

    Jetzt natürlich umso mehr :-)

    Glg
    Steffi

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  5. Grüß Dich, Damaris.
    Engagiertes Thema für eine aufwühlende Story. Zumal uns nicht wirklich viel vom Szenario des Ersatzmenschen trennt. Wie muß sich ein Kind fühlen wenn es erfährt, daß es nur geboren wurde, weil das Geschwister einzig mit dessen Organspende überleben wird!?
    "Echos" wären eine perfide Neuschöpfung der Sklaverei, die sich durch nichts rechtfertigen könnte. Eine ethische Bankrotterklärung der Gesellschaft, die nicht mit dem möglichen Tod konfrontiert werden will. Dies zumal, wenn sich die Echos ihrer Selbst bewußt sind. Als Charakter ist Eva nicht Amarra.
    Das Szenario würde in seiner menschlichen Perversion lediglich noch von Klonen als lebenden Organspendern übertroffen (Katsuo Ishiguro, "Alles, was wir geben mussten").

    Exzellentes Thema, das "Lost Girl" bietet!

    bonté

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  6. Tolle Rezi!
    Irgendwie liest sich das alles ganz super und vor allem spannend, aber so ganz überzeugt bin ich noch nicht. Ich kann nicht mal sagen wieso ... ui. Vielleicht ist mein volles SUB-Regal Schuld?! Ich weiß es nicht, aber ich werde das Buch mal im Auge behalten und vielleicht überkommt es mich ja irgendwann einfach spontan doch noch und ich lese es. :D

    LG
    Lilly

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  7. @Steffi, Freu dich drauf! Es ist ein tolle Schmökerbuch, man kommt kaum davon weg :-)

    @RoM, Das Thema ist "Lost Girl" ist wirklich exzellent. Vor allem wird das alles mehr oder weniger normal, aber trotzdem gruselig. So etwas möchte man "in echt" niemals erleben!

    @Lilly, Danke dir! Ich kann mir vorstellen, dass diese Thematik nicht jeden anspricht. Das Buch ist auch nicht dystopisch, sondern könnte heute spielen, eben nur mit diesen Echos/Kopien von Menschen. Vielleicht macht die die Geschichte ja iwann man an. :-)

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  8. Hallo liebe Damaris,
    ich hatte dieses Buch nun schon öfter in der Hand, immer etwas unentschlossen, ob ich es kaufen soll oder nicht. Auch jetzt bin ich noch nicht ganz sicher, ob es was für mich ist. Aber die Thematik ist es auf jeden Fall wert, denke ich, und die Rezi liest sich wirklich super. Auch die zarte Liebesgeschichte, die fast schon etwas verzweifelt wirkt, spricht mich positiv an. So was hab ich viel lieber als dieses "Auf den ersten Blick verknallt und wir lernen uns das ganze Buch lang nicht wirklich kennen, aber lieben uns über alles". Von daher werde ich es wohl wagen und das Buch kaufen! ;-)
    LG, Lucy

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  9. @Lucy, Hi, erst mal :-) Das Thema von "Lost Girl" ist schon sehr speziell, teilweise gruselig, aber auch sehr wertvoll. Und das sich das Buch so wunderbar liest, kann ich es dir uneingeschränkt empfehlen. Gerade diese verzweifelte Lovestory hat mir auch sehr gefallen, das Buch ist einfach insgesamt so untypisch und auch eindringlich. Wag es! :-)

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  10. @Damaris: Na da kann ich ja kaum Nein sagen! Ich denke, ich bin jetzt auch neugierig genug, um es einfach zu kaufen bzw. jemanden zu finden, der noch kein Buch von mir genannt bekommen hat, das er mir zu Weihnachten schenken darf! Ein Glück hab ich 'ne große Familie! ;-)

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