Mittwoch, 9. November 2011

Rezension zu "Delirium" von Lauren Oliver



Verlag: Carlsen (November 2011)
Reihe: Band 1 von 3, ab ca. 14 J.
Ausführung: Hardcover/SU, 416 S.
ISBN: 978-3551582324
18,90 € [D]

Genre: Dystopie


Klappentext
Früher, in den dunklen Zeiten, wussten die Leute nicht, dass die Liebe tödlich ist. Sie strebten sogar danach, sich zu verlieben. Heute und in Lenas Welt ist Amor Deliria Nervosa als schlimme Krankheit identifiziert worden. Doch die Wissenschaftler haben ein Mittel dagegen gefunden. Auch Lena steht dieser kleine Eingriff bevor, kurz vor ihrem 18. Geburtstag. Danach wird sie geheilt sein. Sie wird sich nicht verlieben. Niemals.
Aber dann lernt sie Alex kennen. Und kann einfach nicht mehr glauben, dass das, was sie in seiner Anwesenheit spürt, schlecht sein soll. (Bild- und Textquelle: Carlsen Verlag)

Über die Autorin
Schon als Kind hat Lauren Oliver leidenschaftlich gern Bücher gelesen und dann Fortsetzungen dazu geschrieben. Irgendwann wurden daraus ihre eigenen Geschichten. Sie hat Philosophie und Literatur studiert und kurz bei einem Verlag in New York gearbeitet. Dort bestand ihr Beitrag hauptsächlich darin, die Kleiderordnung zu missachten und immer wieder Drucker kaputt zu machen. Lauren Oliver lebt in Brooklyn. Nach "Wenn du stirbst ..." ist dies ihr zweiter Roman.

Rezension

Der erste Satz: Es ist jetzt vierundsechzig Jahre her, dass der Präsident und das Konsortium die Liebe als Krankheit identifiziert haben, und vor dreiundvierzig Jahren haben die Wissenschaftler ein Heilmittel dagegen entwickelt.

In diesem USA der Zukunft gibt es nur noch zwei Sorten von Menschen. Potenziell Gefährdete, die an Amor Deliria Nervosa ("Liebe") erkranken können und Geheilte, alle Personen ab 18, die nach einem operativen Eingriff am Gehirn gegen die Liebe immun sind.
Lena steht kurz vor ihrem 18. Geburtstag. Sie zählt die Tage bis zu ihrem Eingriff. Denn wie allen Menschen wurde ihr von klein auf eingebläut, dass eine Infizierung mit der Liebe zuerst einen schrecklichen Krankheitsverlauf und danach den Tod bedeutet. Ein Treffen mit dem anderen Geschlecht, vor allem, wenn der Junge nicht bereits immun ist, ist für sie unnatürlich und falsch. Aber wenn Lena ehrlich zu sich ist, sieht sie auch die Probleme der Gesellschaft ganz deutlich. Die Abstumpfung der Gefühle, die der Eingriff mit sich bringt. Als sie Alex kennenlernt, gerät sie in eine echte Zwickmühle. Soll sie, laut Regierung, verantwortungsbewusst handeln? Kann sie überhaupt noch anders, als in den vorgelegten Normen denken? Und was sagt ihr Herz dazu?

Dystopien sind nach wie vor im Trend. Sie sind mittlerweile fast so zahlreich, wie Muscheln am Strand. Für einzelne Bücher wird es immer schwieriger mit ihrer Thematik aus der Masse herauszustechen. Doch ab und zu wird eine besondere Muschel an den Strand gespült. Sie enthält dann eine glänzende Perle - wie "Delirium"!

Beginnt man mit dem Lesen, wird einem im ersten Kapitel klar, dass hier zu den üblichen dystopischen Szenarien (wie absolute Kontrolle, Grenzschließung, gesellschaftliche Restriktionen, Gewalt und Resignation) noch ein ganz entscheidender Faktor hinzukommt. Nämlich die bewusste Entfernung der Liebe und die Akzeptanz dieses Eingriffs durch die Gesellschaft. Dieses Thema ist neu, unmöglich vorstellbar und wunderbar provokativ. Liest man dann, dass diese operative Maßnahme nicht nur die Liebesbeziehung zwischen Mann und Frau sondern auch Eltern und Kindern, Geschwistern und Freunden zerstört, bleibt einem schon nach den ersten Seiten des öfteren der Mund offen stehen.

Das ist eine der Kehrseiten des Eingriffs: Ohne die Deliria nervosa ist manchen Leuten die Vorstellung Eltern zu werden, zuwider. Glücklicherweise gibt es nur selten Fälle ausgeprägter Ablehnung - in denen ein Elternteil unfähig ist, eine normale, pflichtgemäße und verantwortungsvolle Bindung zu seinen Kindern aufzubauen, und sie schließlich ertränkt, ihnen die Luft abdrückt oder sie totschlägt, weil sie weinen.  - S. 11/12

Ja, das ist wahrlich keine leichte Kost! Verdeutlicht wird das alles durch eine herrlich eingängige Sprache, die stellenweise ihresgleichen sucht und für so manches Gänsehautgefühl verantwortlich ist. Textstellen, Gedichte und Zitate, meist aus von der Regierung genehmigten Büchern, schmücken jeden Kapitelanfang und setzten hier dem Lesegefühl noch ein Krönchen auf.
Lena erzählt die Geschichte komplett aus ihrer Sicht (Ich-Form). So ist die Handlung sehr geradlinig, nicht kompliziert, aber keinesfalls vorhersehbar. Manche Wendungen bringen einen dazu, erstmal tief durchatmen zu müssen.
Dabei ist es wirklich nicht so, als würde einen die Geschichte von einer atemlosen Actionszene in die nächste werfen. Im Gegenteil, die Handlung ist eher ruhig, oft sogar melancholisch. Hin und wieder gibt es besondere Spannungsspitzen. Diese sind dann für die Handlung wie das Tüpfelchen auf dem i und sorgen für die nötige Abwechslung.

Doch wo Leid ist, ist auch Freud (oder war das andersherum?). So darf auch bei "Delirium" eine gut verpackte und wohldosierte Liebesgeschichte nicht fehlen. Und mit gut verpackt ist nicht gemeint, dass Lena sofort aus ihrer antrainierten Haut springt und sich Lover Alex an den Hals wirft, dabei alle fadenscheinige Erziehung über Bord wirft und sofort ein komplett neuer Mensch ist. Nein. Natürlich ist es für Lena eine Horrorvorstellung, nur mit einem Jungen zu reden, vor allem, da sie noch nicht geheilt ist und so für sie die Gefahr einer Liebesinfizierung groß ist. Darum wirkt die langsame Annäherung zwischen Lena und Alex authentisch, aber auch kribbelig. Wohldosiert ist die Liebesgeschichte, weil sie sich perfekt in die Handlung einfügt. Nicht zu viel und nicht zu wenig. Dafür aber sehr herzerwärmend niedlich!
Lena und Alex überzeugen beide als Charaktere. Lena, die sich ängstlich und verschüchtert schlussendlich an die Oberfläche kämpft. Und Alex, der mit seiner lieben und vorsichtigen Art für Lena der Anker wird, den sie braucht. Alle weiteren Nebencharaktere passen hervorragend zur Geschichte. Man entwickelt Sympathien und vor allem Antipathien.

Ein Teil von mir würde am liebsten sagen: Scheiß drauf, sich auf den Sattel setzen und den Berg hinunter aufs Wasser zufliegen, während der Wind die Haare zerzaust - scheiß auf die Ausgangssperre, scheiß auf die Aufseher, scheiß auf alles. Aber ich kann nicht; ich könnte es nicht; ich könnte es niemals. Ich habe keine Wahl. Ich muss nach Hause. - S. 84

Auch dieses Buch sorgt für (schwer zu akzeptierende) Überraschungen. So kann es sein, dass man sich gerade gegen Ende zufrieden zurücklehnt, dass die Geschichte in trockenen Tüchern scheint und man dann, auf harte Weise, eines Besseren belehrt wird.
Das Ende ist filmreif, sehr actionlastig und emotional. Sensibelchen sollte die Taschentücher in Reichweite haben. Und nun heißt es sicherlich noch ein Jahr warten, und das wird ein langes Warten! Nach einem gemeinen Cliffhanger am Schluss wird die Geduld auf eine wirklich harte Probe gestellt.

Persönliches Fazit
Hätte ich "Delirium" im Delirium gelesen, hätte ich wohl einiges verpasst! Dieses Buch verdient keinen Verwirrtheitszustand. Lest es! Lest es mit wachem Verstand und offenem Herzen. Lasst euch schockieren, bezaubern und wieder erden. Wäre ich nicht schon lange infiziert, hätte ich garantiert jetzt die Amor Deliria Nervosa (ups, das klingt hier alles total nach Werbetext, aber ich kann nicht anders!). "Delirium" ist eines meiner Top-Titel 2011 und erhält verdiente 5 Sterne mit Lieblingsbuchstatus!
Handlung: 5 / 5
Charaktere: 5 / 5
Lesespaß: 5 / 5
Preis/Leistung: 5 / 5

© Damaris Metzger, damarisliest.de


Reiheninfo Amor-Trilogie:
Band 1 - Delirium
(Band 1,5 - Hana, Kurzgeschichte)
Band 2 - Pandemonium
Band 3 - Requiem

Kommentare:

  1. Eine wunderschön geschriebene Rezension.
    Ein Buch, dass ganz nach meinem Geschmack ist, landet auf jedenfall ganz oben auf meine Wunschliste.

    Ganz liebe Grüße :D

    AntwortenLöschen
  2. Wow...
    Begeisterung zum Anfassen liegt hier in der Luft.
    Wunderbar geschrieben, liebe Damaris.
    Hat Spaß gemacht, die Rezi zu lesen und das Buch wandert sofort auf die Wunschliste. ;-)

    Viele Grüße
    Asaviel

    AntwortenLöschen
  3. Tolle Rezension - jetzt will ich das Buch nur noch mehr haben :D Aber da ich mir Montag ein längst überfälliges Buchkauf-Verbot auferlege, muss es wohl bis nach Weihnachten warten...Obwohl du mir soo den Mund wässrig gemacht hast :D

    AntwortenLöschen
  4. Hier hast du dich mal wieder selbst übertroffen - eine Rezi zum Verlieben!!! Mein Herz pocht mit dir, ich bin nämlich der selben Meinung ... und das zusätzliche Herz ist hier echt gerechtfertigt. Beim Fazit hätte ich schon wieder die Taschentücher auspacken können (und nicht, weil es schlecht geschrieben ist). :)

    LG Reni

    AntwortenLöschen
  5. @Samira, du wirst es lieben! Und bei deinem kleinen SuB könntest du es dir eigentlich sofort besorgen und loslegen :-)

    @Asaviel, ja stimmt :-) Ich kann die Begeisterung immernoch fühlen. Hat sich richtig eingebrannt. Ging mir einfach sehr ans Herz, das Buch. Lohnt sich auf alle Fälle!

    @Sonne, ach, das Buchverbot gilt doch erst ab Montag, oder? Dann hast du noch heute, Fr und Sa um dir ein Buch zu kaufen (vielleicht dieses? *g*) Ein tolles Weihnachtsgeschenk ist es aber auch!

    @Reni, och du Liebe, jetzt machst du mich ganz verlegen! Die Worte sprudelten heraus, auch wenn ich ungewöhnlich lang an dieser Rezi saß. Mein Herz pocht immernoch und darum darf das Fazit ruhig nach begeisterter Werbung klingen! ;-)

    AntwortenLöschen
  6. Hey Damaris, eine tolle Rezension - jetzt habe ich RICHTIG Lust auf das Buch! Gut, dass es gestern schon bei mir in der Post lag ;-)
    Weißt du zufällig Näheres zum zweiten Teil? ... ist echt gemein, dass es bei den Trilogien oft so fiese Cliffhanger gibt und man dann ewig warten muss :-)
    Lieben Gruß von deiner Diebin!

    AntwortenLöschen
  7. @Diebin, du hast es schon? Dann kannst du dich glücklich schätzen, es wird dir ganz sicher gefallen :-)
    Bei amazon.com hab ich gesehen, dass der 2. Teil "Pandemonium" heißt um im März 2012 auf Englisch erscheint. dreamerLand/July hat geschrieben, dass der 3. Teil "Requiem" heißt und im Frühjahr 2013 auf Englisch rauskommt *seufz*. Ist mir alles zu lang, da ich ja Deutsch lese :-) Jetzt lies du aber erstmal Delirium und gib Bescheid, wie es war.

    AntwortenLöschen
  8. Wow, deine Begeisterung reißt ja richtig mit. Wirklich sehr gut gelungene Rezension. Das Buch werde ich hoffentlich auch bald lesen können.

    Liebe Grüße, Diti

    AntwortenLöschen
  9. @Diti, das Buch wird dir auch gefallen. Ganz großes Kino!

    AntwortenLöschen
  10. Wirklich tolle Rezi! :) Ich bin mit dem Buch gestern Abend angefangen und bin echt begeistert, auch wenn ich bislang erst auf Seite 96 bin :D Auf die anderen Teile müssen wir echt noch viiiiiiiiiel zu lang warten :/

    AntwortenLöschen
  11. @Sophia, ich war auch schon nach den ersten Seiten total begeistert. Halte das kaum ein Jahr aus, bis es weitergeht. Bin gespannt, was du zum Schluss sagst :-)

    AntwortenLöschen
  12. Danke für die Info! Da müssen wir deutschen Leser ja (mal wieder) eine Menge Geduld mitbringen :-)
    Ich hab eine zeitlang ganz gerne englische Bücher gelesen - hat ja neben dem früheren Erscheinungstermin auch andere Vorteile, sie sind günstiger, oft sind die Cover schöner... aber auf Deutsch kann ich einfach besser in die Geschichte eintauchen und lese außerdem viel schneller. Also werde ich mich wohl mit dir in die Schlange der Wartenden einreihen - wenn mir "Delirium" denn überhaupt gefällt :-) Aber nach deiner Rezension kann ja kaum noch was schiefgehen!
    Lieben Gruß von deiner "Diebin"

    AntwortenLöschen
  13. Ich kann mich Asaviel nur anschließen...Whow!! Ich wollte das Buch eigentlich gar nicht lesen, aber nach deiner Rezi...ich würde es jetzt am liebsten sofort kaufen und los legen!!
    So was darfst du nicht machen!! Mein SuB ist riesig und mein Geldbeutel leer!! ;)

    Liebe Grüße und ein wunderschönes Wochenende :)

    Nanni

    AntwortenLöschen
  14. @Diebin u. Nanni, nein, bei diesem Buch kann eigentlich wirklich nichts schiefgehen :-) Für mich ist es ein Musst-Read! Seufz, würde es am liebsten nochmal lesen. Nanni, sorry für die "Verführung" :-) In diesem Fall lohnt es sich aber! Und falls ihr es lest, will ich eure Meinung wissen. ;-)

    AntwortenLöschen
  15. Also es muss wohl doch noch ein bisschen warten bis ich es kaufen kann, aber dann werde ich dir selbstverständlich berichten, wie es mir gefallen hat :)

    AntwortenLöschen
  16. Habs heute zuende gelesen und ich muss sagen, ich bin wirklich geschockt .. Das Ende ist ja schrecklich! :O Unbedingt möchte ich jz wissen wies weiter geht! :/ Eine Rezi folgt auf jeden Fall noch :)
    Die letzten Seiten haben mich aber echt an die von "Die Stadt der verschwundenen Kinder" erinnert, da war das genauso iwie .. Hast dus gelesen?

    AntwortenLöschen
  17. @Sophia, das Ende ist wirklich hart! Hab auch das Gefühl kein Jahr mehr warten zu können :-( Sonst hat es dir gefallen? Freu mich auf deine Rezi!! DSdvK hab ich noch nicht gelesen. Steht auf meinem Wunschzettel, jeder schwärmt davon!

    AntwortenLöschen
  18. Ja, sonst hats mir sehr sehr sehr gut gefallen :)

    AntwortenLöschen
  19. Oh, verdammt, dieses Buch macht mich wahnsinnig, genau wie der 2. Teil auch. Habe es zweimal direkt hintereinander gelesen, weil es eins der besten Bücher ist, das ich kenne. Ich kann es nur empfehlen. Nach diesem Ende war ich so geschockt und hab mir sofort Teil 2 geholt :)

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. @Lucy - Mir ging es ähnlich. Ich habe vor dem zweiten Band den ersten Teil nochmal als Hörbuch zur Auffrischung gehört. Jetzt, vor Band 3, möchte ich das mit Pandemonium auch noch mal machen :-) Wahnsinns Bücher!

      Löschen

Du möchtest mir etwas zu diesem Beitrag mitteilen? Dann los ... ich freue mich.